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auch unbeschränkter, zur Veredelung sich entwickelt haben, und zugleich mit der Veredelung würden unsere Glaubensanschauungen sich erweitert und gehoben, zu einer hohen Stufe der Vollkommenheit sich entwickelt haben, wie wir sie jetzt in unserem Judenchristentum vergeblich suchen; die Bildungsfähigkeit unseres Heidentums liegt in der grossen Paltarsage hell und deutlich ausgesprochen.

Die Llorona, das weinende Mädchen der Mexikaner, und ihre Schwestern

bei den Ariern und Mongolen.

Wir befinden uns auf der Sierra Madre in Mexiko, 10 000 Fuss über der Ebene. In einem Walde von Steinfichten erhebt sich ein Schmelzofen und ein daran lehnendes Gebäude aus rohen Stämmen mit einem Cement von Gipskalk überzogen. Der geistvolle Reisende Felix L. Oswald berichtet uns in seinem trefflichen Werke: Streifzüge in den Urwäldern von Mexiko und Central - Amerika“ (2. Auflage, Leipzig 1884, F. A. Brockhaus) von seinem Aufenthalt dort folgendes: „Ich trat an die Luke in der Seitenwand und blickte nach den Sternen. Der klare Himmel verhiess eine kalte Nacht. Wir wälzten den Hauptklotz ins Kamin, ordneten unsere Decken im Kreis und liessen uns mit feuerverehrender Andacht nieder. Ich zog einen Band von Calderons Canzonetten aus der Tasche und meine Gefährten schwatzten mit dem Talent für gemütliche Unterhaltung, das den Indio manso von seinem nordischen Vetter unterscheidet, als ein unheimlicher Ton sie plötzlich verstummen machte ein langgezogenes Krächzen oder Röcheln, bei dessen Klang sich der Dachshund mit gesträubten Haaren aus dem Winkel erhob.

,Was war das ? Eine Frage, die nur stumme Blicke beantworteten, bis der Tuxpaner eine Bemerkung in seiner Muttersprache flüsterte.

Er glaubt, es ist eine Onza de monte (ein weiblicher Bergpanther), erklärte der Führer, das ist die Art, wie sie in der Paarungszeit schreien, sagt er.'

Wir lauschten noch lange, hörten aber nichts als das leise Murmeln des Bergbaches.

,Heilige Jungfrau, Aüsterte José, wenn mich das nicht an die Llorona gemahnte! Wir können von Glück sagen, wenn es nichts Schlimmeres ist als als was der Indianer denkt,'

Die Llorona oder Weinerin, ein weibliches Verbalsubjekt vom Zeitwort llorar weinen, klagen, ist ein Gespenst der östlichen Kordilleren, eine mexikanische Lamia, die das Hochland der Sierra Madre durchwandert und den verspäteten Wanderer mit ihrer unheilverkündenden Stimme entsetzt. Wer sie von Angesicht sieht, erblickt seinen Tod; sie zu hören bedeutet nahendes Unglück.

,Hast du sie je mit Augen gesehen, José ?

„Nein, aber mein Onkel in San Sebastian: der kam eines Abends spät nach Haus und sah sie, wie sie über die Strasse auf ihn zuschritt. Sie hatte das Maul offen und fletschte die Zähne wie ein Wolf, Señor; aber er sprengte wie ein Büffel aus dem Wege und kam noch mit blauem Auge davon. ...

,Giebt's sonst noch Gespenster in der Sierra, José ?

,0 verschiedene. Die Voz de Luta (warnende Stimme) z. B., die ist aber ein guter Geist und warnt die Leute vor Gefahr.'

,Hilft verirrten Reisenden, nicht wahr?

„Ja, und auch anderen Leuten. Sie haben doch von dem Amador (Liebhaber) von San-Martin gehört?

Nicht dass ich wüsste.““

Darauf erzählt José eine Geschichte, wie der Amador seine Verlobte zum Tanz abholt und dann nach dem Vergnügen mit ihr in der Nacht heimreitet. Als sie am Dachsstein vorüberkommen, vernehmen sie oben in dem Felsen eine Stimme, welche dem Amador, ihn dadurch vor der Zukunft warnend, Worte zuruft, aus denen sich die Untreue seiner Verlobten ergiebt.

Kein Zweifel, wir haben hier die Bekanntschaft von zwei Dämoninnen gemacht, welche in dem Vorstellungskreise der Spanier in Mexiko ihre Rolle spielen. Sehr erfreulich ist für uns, dass sie von einem deutschen Reisenden aufgefunden sind. Im übrigen scheint es, als ob sie den Gelehrten jenseit der Alpen und Pyrenäen unbekannt sind, wenigstens haben mir von den grossen romanischen Sagenforschern weder Angelo de Gubernatis in Florenz noch Consigliere Pedroso in Lissabon Beiträge zu dieser Arbeit zu bieten vermocht. Die Romanen haben eben bis jetzt noch nicht das Ihre gethan, die Sagenschätze ihrer Völker zu heben, während sie ausserordentlich fleissig in Volksliedern und dem für die Mythenforschung höchst fragwürdigen Märchenmaterial arbeiten.

Felix L. Oswald hat aber nicht nur die Ehre, uns die Bekanntschaft mit der Llorona und Voz de Luta vermittelt zu haben, sondern er hat uns auch durch die ausführliche Mitteilung des Erlebten sowie der mexikanischen Überlieferung, endlich nicht minder durch seine Vergleichung mit der Lamia willkommene Anhaltepunkte gegeben, von welchen ausgehend wir uns das Wesen unserer Unholdinnen zu erschliessen vermögen.

Machen wir uns demnach mit der Überlieferung von der Lamia bekannt.

Wir finden, dass sie eine schöne Königin gewesen ist. Zeus liebt dieselbe, Hera beraubt sie dafür aller ihrer Kinder. Voll Gram über den herben Verlust zieht sie sich in eine Felsenhöhle zurück und wird zu einem die Kinder raubenden Ungeheuer mit tierischem Angesicht. Als Vater der Lyderin wird Belus genannt, oder der Meeresgott Poseidon, als ihre Tochter die weissagende Herophyle oder die grause Skylla.

Somit decken sich in der That alle wesentlichen Einzelheiten von der Llorona und der Lamia die Voz de Luta scheint zu schärferer Ausprägung ihres Wesens nicht gelangt zu sein, weshalb wir uns fortan nur beiläufig mit derselben beschäftigen werden – als da sind das furchtbare Aussehen, die Verknüpfung mit Fels und Bergwald, mit Gebirgsbach und Meer – worauf die Herkunft von Poseidon oder ihre Tochter, die Skylla, in der griechischen Sagensprache deuten, das Ankünden einer unheilvollen Zukunft allein durch das Erscheinen der Llorona, das Verkünden der Zukunft durch die Tochter der Lamia, die Herophyle.

Ist der Name der Mexikanerin klar zu deuten, so ist dies mit demjenigen der Lamia nicht der Fall, denn das griechische Wort hamuós Kehle, Schlund wird mit Unrecht hierher gezogen. Mir ist vielmehr die Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass sie als Lyderin, die von Bel stammt, einen gewandelten, ursprünglich semitischen Namen trägt, dass die Griechen erst bei ihrer Einführung in die Welt von Hellas für das Wasser als semitisches Urelement, und die Eigenschaften, welche man einer Dämonin, die damit Verknüpfung hat, zuzuschreiben pflegt, Poseidon als Vater und die Skylla oder Herophyle als Tochter gesetzt haben. Auf Wasser als Urelement weisen die Worte: lamiæ sunt fossa camporum pluviis plenæ vel voragines fluminum, unde ipsa ferocissima bestia Lamia dicebatur (Mythogr. I, N. 168). An lama, lacuna ist doch wohl nicht zu denken, wie Bode will.

Sind Fels, Wald und Wasser die Elemente, aus welchen unsere Dämoninnen erwachsen sind, so ist, denke ich, die Möglichkeit vorhanden, andere entsprechende Gestaltungen aufzufinden, welche den behandelten sich als Schwestern gesellen.

So singen denn auch in der That nach der griechischen Überlieferung die Sirenen – ihre Schwestern, die Musen, verknüpft das Wasser, dem sie entstammen, mit ihnen – am Gestade des Meeres ihre fesselnden Lieder. Sie verkünden die Zukunft, in späterer Zeit gelten sie als Totenklage um Verstorbene. Höchst bemerkenswert ist der Zug der Überlieferung, dass der Wind weht, während das Schiff dem Gestade zutreibt, auf welchem die Sirenen sich befinden, dass er aufhört zu wehen, sobald die Sirenen ihren Gesang anheben – denn der Wind ist eben ihr Gesang, welcher im Rohr und Gebüsch des Uferrandes seine Lieder singt. Sie sind schöne Weiber mit hühner- und entenartiger Bildung der Füsse. Die Bedeutung ihres Namens werden wir in unserem Schwirren wiedererkennen.

Zu Fels und Wald hat sich neben dem Wasser der Wind gesellt, denn in der That sind ausser dem Donner das Rauschen des Wassers, das Säuseln des Windes, das Rieseln des Regens diejenigen Töne der Natur, welche der Vorstellungskraft der Völker zu Bildungen Anlass geworden sind, wie unsere Dämoninnen des Gesanges es sind, sowie die Lamia, Voz de Luta und die Llorona.

Indes nicht nur der Romane und Grieche, auch der Slave hat aus den berührten Elementen seine übersinnlichen Wesen geschaffen.

So berichtet der Wende Liebusch, es habe sich früher unterhalb der Brücke, welche bei Muskau über die Neisse führt, auf

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