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XXIX.

Der Tag bricht an. Schon golden blißen
Der Schneegebirge zadłge Spißen.
Es schweben in des Frühroths Strahle
Die dichten Nebel tief zu Thale,
Und an des Scheitanberges Rand
Jm Glanz des jungen Tags erblaßt
Das nächtge Feuer. Schweigend ftand
Und mit vorsichtiger Geberde
(Als wäre todeskrank sein Gast)
Der Fürft auf von der feuchten Erde.
Bleid war sein Antlits, wild, verstört,
Es schien, als graute dem Tscherkessen
Vor dem, was er zur Nacht gehört,
Das war ein dreckliches Erinnern!
Gewaltig fämpft's in seinem Jnnern:
Er wollte gar zu gern vergessen
Die Schreckensworte, die ihn trafen,
Einbilden fich, daß er geschlafen,
Daß Alles nur ein Traumbild war ...
Er rieb die Stirn fich mit der Hand,
Doch ob er taftend stand und fann:
Der Gram, der eiserne Tyrann
In seiner Brust, bewies ihm klar,
Daß Alles wirklich, alles wahr,
Was er gesehn, gehört, empfand ..

XXX.

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Jsmail winkt zum Aufbruch, will Durchaus den jungen Gaft geleiten, Der folgt erstaunten Blices ftill Dem ftummen. Führer, und sie schreiten Fürbaß auf wildversdlungnen Wegen. Und Alles schreckt sie rings im Wald, Das Vöglein, das vom Busch auffliegt, Der Fuchs, der ängstlich fich verfriecht In seinen fichern Aufenthalt. Jsmaïl - Bey wie sein Begleiter In Vorsicht bält die Hand am Degen, Und eilig ziehn die Beiden weiter, Bergab, auf ungebahnten Wegen. Sie springen ohne umzusehn Klafft irgendwo ein Felsenspalt, Und keinem Mund ein Wort entschallt. Auf einem Hügel endlich stehn Sie Beide ftill, in düsterm Schweigen. Von dort beherrscht der Blick ein Thal, Wo, schimmernd in der Sonne Strahl, Sid weithin Kriegsgezelte zeigen, Gleichwie ein großer Kranichschwarm. Jsmail nimmt des Fremden Arm, Seigt mit der Hand hinaus in's Land, Und spricht dann, ftolz zu ihm gewandt:

XXXI.

, - Leb' wohl! Gefahrlos magft von hier Zu euren Zelten du gelangen. Dod böre michy, und glaube mir: Es ist ein eiteles Verlangen Jn Blut den Kummer wegzuspülen! Du würdest nach der blut'gen That Nicht Rube, sondern Reue fühlen! Glaub's: dein Beginnen ist nicht gut. Ein Web wie deines beilt kein Rath Der Freunde — noch des Feindes Blut. At deine Mühe ist vergebens, Umsonft suchst du im fremden Land für das verlorne Glück des Lebens Erfaş - es ist ein eitel Hoffen. Den Feind trifft nimmer seine Hand, Den schon des Schicksals Hand getroffen, Das auf sein Opfer nicht Verzicht Den Händen ird'scher Richter thut. Doch wer dem Scidal widersteht, Jm Kampf mit ihm nicht untergeht: Der fürchtet auch die Menschen nict, Unbeugsam ift sein starker Muth. Du kennst Jsmaïl schlecht - (dau ber: Td selbst bin eß, der vor dir fteht!« Joh es, Und ftolzen Blides wandte er Sich weg, barrt nicht auf Antwort mehr, Und blikfanell im Gebirg berschwand, Derweil der Fremde ftarrend stand, Sprachlos mit staunender Geberde Wie angewurzelt an die Erde.

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XXXII.

Am Scheitansberge faß indessen
Bewaffnet eine Sdaar Tscherkessen
Jm Preise um die Lagerfeuer.
Vom Troß Jsmails war die Sdaar,
Der aller Krieger Liebling war,
Und ihnen über Alles theuer.
Sie folgten ihm zu Ruhm und Tod;
's galt ihnen gleich, wenn er gebot!
Sie waren in der Brüder Streite
Geblieben auf Jsmaïls Seite;
Sie kannten nicht des Streites Grund,
Doch folgten fie Jsmaïl und
Sie hätten ihn in jedem Falle

Ob Recht, ob Unrecht – treu vertheidigt,
Denn sein Verstand war ihr Verstand.
Es batte Roslam. Beg fie Alle
In ihrem Führer mitbeleidigt!
(So sind die Leute hier zu Land.)

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XXXIII.

Sie rauchen sorglos bei der Wacht
Des Fürsten harrend, ihre Pfeifen:
» Jsmaïl kommt, sobald die Nacht
Entflohn, die Feinde anzugreifen.
Gewaltig und verderbenschwer,
Ein Adler, fliegt er vor uns her!
Es fällt sein Blick gleich Ungewittern
Auf unsrer Feinde Heer, daß Jene

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In Angst und Furcht vor ihm erzittern,
Wie Roslam - Beg und die Usdene!«
So swoll aus seiner Mannen Kreise
Das schlichte Lied in schlichter Weise.

XXXIV.

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Dem Kreise fern, am Bergesrand,
Den fummersdweren Blick nach oben
Zum liebetrauten Mond erhoben,
Der bald im Morgenglühn verschwand,
Ein schöngebauter Jüngling stand:
Eine Menschenblume zu schön und zart,
Daß schon des Todes Hand fie knicke ...
Er wartet auch auf Ismail,
Doch nicht wie Jene forglos, ftill:
Er fürchtet seine Gegenwart,
Und wünscht sie doch - aus seinem Blice
Sprach seines Herzens tiefer Gram.
Was mocht es sein warum er kam?
Er fam bei Jemail zu weilen,
Im Kampf mit ihm sich zu verbinden,
Sein Kriegsgeschick mit ihm zu theilen,
Rubm oder Tod mit ihm zu finden...
Ift's dieser weißen Hand Geschick
Roth von Kosakenblut zu rauchen?
Soll dieser findesfromme Blick
Sid, in des Schlachtfelds Gräuel tauchen?
Was hat er hier die ganze Nacht
Mit seinem Aug', dem liebesmilden,

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