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anzutreffen sind, wie sie sich unsern Sinnen darstellen. Allein von dem Raume und von der Bewegung lah er dieses nicht ein. Was Hr. Boscovich von dem Raume gehalten, werde ich Ihnen weiter unten Gelegenheit haben umståndlicher zu erzählen. So viel haben Sie aus dem Vorhergehenden gesehen, daß er seine Uusdehnung aus unausgedehnten Punkten entstehen låßt, und sich mit den Waffen der Leibnißianer wider diejenigen ver: theidigen muß, die hierin einen Widerspruch zu finden glauben, so wenig er auch dieses gestehen will. Allein diese unausge dehnten Punkte, oder einfachen Dinge, wenn man sie so nennen will, stehen ihm von einander ab, und sind in dem leeren Raume, den wir vor uns sehen, nach allen Uusmessungen zers streut. Er läßt also den Raum wirklich das seyn, was fich unsere Einbildungskraft von ihm vorstellt. Gleichergestalt ver: fährt er mit der Bewegung; denn da er seinen einfachen Dingen Kráfte zuschreibt, andere einfache Dinge bald an sich zu ziehen, bald von sich zu stoßen, so realisirt er alle Begriffe, die wir uns mit den Sinnen von der Bewegung machen; und muß sogar einen realen Einfluß, eine Wirkung in die Ferne, und viele andere Idole annehmen, die man mit gutem Erfolge aus der Metaphyfik verbannt hat.

Und eben deswegen, weil sich Hr. Boscovich nur halb von den Idolen der Einbildungskraft befreit hat, macht er den Leibnißianern manche Einwürfe, die eine sehr unvollkommene Rennt: niß des Leibnißischen Lehrgebåudes anzeigen. Er steht z. B. in der Meinung, Leibniß ließe seine Punkte sich unmittelbar einander berühren; und glaubt, wie ich Ihnen in einem meiner vorigen Briefe geschrieben, man håtte die Schwierigkeit noch nicht gehoben, die dem Zeno vorlängst gemacht worden, daß nåmlich unausgedehnte Punkte, die sich unmittelbar berühren, nothwendig in einander fallen mußten. Wird fich der Leibs nigianer nicht hier beklagen, daß man ihm Begriffe vom Bes rühren und Ineinanderfallen aufdringe, die sich nach seinem System nicht so schlechterdings aus der Meßkunst in die Meta: physik hinübertragen lassen? Mir ist das Berühren, wird er sagen, wie wir es mit den Sinnen begreifen, nichts als eine bloße Erscheinung; so wie der Cartesianer die Farben, und ør. Boscovich auch die körperliche Ausdehnung für nichts anders ers kennt. Von einfachen Dingen hingegen sagt man, fast auf eine figürliche Weise : sie berühren sich, wenn sie unmittelbar

wechselsweise in einander wirken; und diese Berührung muk man nicht mit den Sinnen begreifen wollen; denn was wäre dieses anders, als einfachen Substanzen Erscheinungen zuschreis ben, die ihren Grund in der Zusammenseßung haben? In einander fallen aber können einfache Dinge nicht eher, als wenn man die Merkmale aufhebt, daran fie erkannt und von einan: der unterschieden werden. So lange die Dinge aber verschieden sind, müssen sie mit andern zufälligen Dingen in einem ver: schiedenen Verhåltniß stehen; mithin im Raume neben einander seyn, aber nicht in einander fallen. So erklårt fich Leibniß an verschiedenen Stellen, und die Leibnißianer in jedem Lehr: buche. Man kann ihnen Einwürfe machen, fie widerlegen, aber doch unmöglich mit dem Pater Boscovich (s. 317.) sagen, Leib: nig habe seine ausgedehnten Punkte sich berühren lassen, damit ein continuum mathematicum daraus entstehe? Was für ein ungeheures Ding ist ein continuum mathematicum, das aus Leibnißischen Monaden zusammengefegt ist! Oder kann man sich es wohl träumen taffen, mit unserm Pater vorzugeben, daß beide, sowohl Leibniß als Zeno, cum simplicitate, et inextensione, quam iis elementis tribuunt, commiscent ideam illam imperfectam, quam sibi compararunt per sensus, globuli cujusdam rotundi, qui binas habet superficies a se distinctas (s. 137.)? Ich möchte wissen, was Hr. Boscovich von Leibnig gelesen hat, daß er solche Gedanken hat von seinem System hegen können.

Der Pater hat noch einen ziemlichen Vorrath von Einwür: fen wider die Leibnißische Philosophie hier und da in seinem Werke angebracht. Ich werde Sie aber nicht langer damit aufs halten.

5 6 ster Brief.

In einer dem Werke angehängten metaphysischen Untersus chung handelt Hr. Borcovich von der Seele und Gott. Die Vereinigung des Kórpers und der Seele, sagt er, geschieht nach drei verschiedenen Arten von Geseken (denn auch hier wird uns nicht mehr gesagt, als die Geseke, nach welchen die Verans derungen erfolgen), davon zwei von dem Geseke der Bewegung der materialischen Punkte ganz verschieden sind; die dritte aber kommt demselben in etwas nahe, und weicht wiederum in vies len Stücken von ihm ab. Uus gewissen örtlichen Bewegungen in den äußern Gliedmaßen entspringen gewisse geistige Bewe gungen in der Seele; einige nothwendig, als die finnlichen Empfindungen, andere durch eine freie Wiuführ, als die Ent: schließungen des Willens. Dieses ist das erste Gefeß.

Auf diese freien Entschließungen des Willens und innere geistige Bewegung der Seele erfolgen, vermoge des zweiten Ges Feges, die örtlichen Bewegungen in den åußeren Gliedmaßen. Hingegen giebt es keine körperlichen Bewegungen, und keine Vorstellungen in der Seele, welche die freie Wahl des Willens nach einem gewissen Gefeße bestimmen sollte, diefes jenem vor: zuziehen. Hochstens, fagt Hr. Boscovich, dürften fie vielleicht gewisse Handlungen leichter machen, und die Seele mehr zu dies Ten als zu ihrem Gegentheile neigen können. Die Fähigkeit der Seele aber, die wir Willen nennen, muß allezeit die allerfreieste Wahl behalten, das Gegentheil zu wählen; dergestalt, daß fie bloß aus innerer Bestimmung fich auf die Seite lenken kann, wo die wenigsten Bewegungsgründe sind. - Nach dem drit: ten Gefeße endlich bewegt sich die Seele aus ihrem Orte, und folgt allenthalben ihrem Körper nach. Es scheint aber nicht, meint Hr. Boscovich, daß hier, so wie bei den materialischen Punkten, die Anziehungen und Zurückstoßungen mit einander abwechseln sollten. Er vermuthet vielmehr, die Seele würde auch in der kleinsten Entfernung von dem Körper nicht zurúd: gestoßen, sondern könne völlig fowohl von der Materie, als von andern Geistern durchdrungen werden.

Der Pater kommt hierauf zu den Bereisen für das Das seyn Gottes, und widerlegt durch seine Hypothefe den Einwurf, daß eine jede endliche Folge von Begebenheiten, die noch so or's dentlich noch so vollkommen ist, durch eine bestimmte Unzahl zufälliger Würfe, bloß vom Ungefähr könne hervorgebracht wers ben. Der Hypothese der Atheisten von der Nothwendigkeit der Welt fekt er, außer den Gründen, die ihm sein System an die Hand giebt, einen Schluß entgegen, welcher mit dem gemeinen Schlusse von der Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe völlig übereinkommt. Hr. Boscovich, der ihn verbessert zu haben glaubt, muß unsere deutschen Weltweisen niemals gelesen haben. Von dem System der besten Welt hat Hr. Bosco: vich ganz seltsame Gedanken. Er glaubt, wir würden, wenn dieses die beste Welt wäre, nicht nöthig haben, Gott für unser Dasenn zu danken; denn er würde uns ja wegen unseres Vers dienstes zum Dasern haben rufen müssen, weil die anderen Ger schöpfe, die er in ihrem Nichts gelassen, nicht so gut zur ber sten Welt fich schicken, als wir. Wenn man ihm auch das můffen wollte hingehen lassen, das hier doch noch einer wichtigen Einschränkung bedarf; was für Begriffe hat Hr. Boscovich von der Dankbarkeit !

Einige mathematische Anhänge, die Sr. Boscovich aus andern von ihm verfertigten Schriften anführt, werden Sie ver: muthlich selbst lesen. Wir wollen also nur noch hören, was er vom Raume und von der Zeit denkt. Er hat seine eigenen Gedanken hierüber aus seinen Supplementis Stayanis hergefeßt, einem Werke, das mir, so viel ich mich erinnere, noch nicht zu Gerichte gekommen.

,,Sowohl diejenigen", sagt Hr. Boscovich, ,welche den Raum für ein wirkliches, ståtiges, eriges und unermeßliches „Ding halten, als die, welche ihn mit Leibniß und Cartes durch die Ordnung der Dinge erklären; müssen dennoch einen mo,,dum, - wie soll ich das Wort sogleich überlegen ? eine Weise zu eristiren annehmen, die nicht bloß in der Einbildung ,, besteht, sondern wirklich ist, vermoge welcher die Dinge da „sind, wo sie wirklich sind, die auch selbst so lange existirt, so lange die Dinge wirklich da find, und verschwindet, sobald die „Dinge auda vorhanden zu seyn aufhören“. Ja, Śr. Boss covich meint, man müsse zwei solche Etwas zugeben, man mochte fie nennen, wie man wollte, das eine für das wo, und das andere für das wann: einen modum, per quem res est ibi, ubi est, und einen andern, per quem res est tum, cum est. Nun giebt er einem jeden Punkte zwei Reis hen von solchen wirklichen eristirenden Modis, und diese ma: chen sodann den wirklichen Raum und die wirkliche Zeit aus. Denkt man aber die bloße Möglichkeit von diesen Modis, so hat man den leeren Raum und die leere Zeit, wenn man sich To ausdrücken kann, oder den eingebildeten Raum und die ein gebildete Zeit.

„Die wirklichen und eristirenden Modi entstehen und verges ,,hen wieder, find untheilbar, unbeweglich, unausgedehnt, und in „ihrer Ordnung unveränderlich". In dem Zwischenråumlein der Punkte giebt es einen möglichen Raum, indem wir uns die Möglichkeit immer anderer und anderer Punkte vorstellen, die zwischen den ersten Punkten ihre Modos finden könnten. Şt. Boscovich beweist, daß dieser mögliche oder eingebildete Raum ståtig, unendlich, ewig und nothwendig sei, obgleich alle diese Eigenschaften dem wirklichen Raume nicht zukommen. Endlich wendet er alles, was von dem Raume gesagt worden, auch auf die Zeit an. Ich weiß nicht, was ich aus dieser bloßen Mögs lichkeit machen soll, von welcher man doch behauptet, daß fie wirklich sei. Zwischen den Punkten giebt es einen Zwischens raum; dieser Zwischenraum ist wirklich, aber er ist nichts als ein möglicher Raum. Sehen Sie die Verwirrung, in welche den Pater seine Wirkung in die Ferne gestürzt hat? Er hat einen leeren Raum zugeben müssen; denn dazu nothigte ihn feine Hypothese. Dennoch wollte er diesen Raum nicht mit ei: nigen Newtonianern für ein wirkliches, ausgedehntes, untheil: bares und ewiges Ding halten. Er machte also eine bloße Möglichkeit daraus, und zwar eine Möglichkeit, die entweder eristiren muß, – oder seine Punkte haben keine wirklichen Zwis fchenräume, und fallen vermoge seiner eigenen Hypothefe in eins ander. Um fein System nicht finken zu lassen, hat er fich also zu handgreiflichen Widersprüchen verstehen müssen.

Dieses ist das allgemeine Schicksal der Hypothefen! Sie passen fich selten ganz genau auf die Natur; daher läßt man fich öfters verleiten, um die Hypothese nicht fahren zu laffen, den ersten und sichersten Begriffen Gewalt anzuthun. Sie werden, wenn Sie das Werk selber lefen, noch viele Stellen bemerken, in welchen sich die Schwache der Hypothesen ganz offenbar zeigt

. Und dennoch macht die Durchlefung deffelben ungemein viel Vergnügen. Man fieht die machtige Unstrengung

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