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wenn es sich in allen seinen Begierden eine Ewigkeit zum Ziele Teßen wollte. Meine Vorstellungskraft ist auf eine solche Volls kommenheit bestimmt, die sowohl der Dauer, als dem Grade nach endlich ist. Diese innerliche Bestimmung ist meiner eingesdyrånkten Natur gemäß, und ich kann immer noch eine zeit: liche Volkommenheit einer ewigen Unvolkommenheit vorziehen." Nimmt er dieses an, so kann ich beweisen, daß ihm vermoge seiner Natur kein Augenblick verächtlich fenn muß, um welchen er seine Realität verlängern kann. Das Mehr und Weniger kann hier in der Natur der Sache nichts åndern. Zieht er ein frohliches Leben von 100 Jahren seiner Zernichtung vor, ro muß ihm die kürzeste und mit den größten Qualen verknüpfte Dauer diesen Vorzug verdienen. Glück und Unglůd, Freude und Leid muß ihm vollkommen einerlei seyn, wenn zwischen Seyn und Nichtseyn gewählt werden soll; denn ein einziger Augenblick ist für ihn eine Ewigkeit.

Ich bin måde, aus diesem Tone zu sprechen. Wie můde müssen Sie nicht seyn, mir in diesem Tone zuzuhören! Ich will also schließen, und nur noch eine einzige Bitte hinzuthun. Seien Sie versichert, daß ich keine andere Tugend an meinen Freunden zu mißbrauchen pflege, als ihre Geduld, und daß mich nichts mehr vergnügen wird, als wenn Sie fortfahren werden, mir Ihre vortrefflichen Gedanken mitzutheilen.

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2. Vorschläge zu einer Aufgabe in der Beredsamkeit *).

Im I. 1758.

(Uus der Neuen Berl. Monatsschrift. Bd. 23. Jan. 1810. S. 44–46.)

1.

Sst eine der drei einfachen Regierungsformen, vermoge ihrer innern Einrichtung, der Aufnahme und dem Fortgange der schönen Künste und Wissenschaften zutraglicher, als die andere? und welche ist es ?

2.

Da die Empfindung des Schonen überhaupt mit der Ems pfindung des Schönen in den Sitten so genau verwandt ist; woher kommt es, daß beide nicht allezeit in einem Subject bei einander sind ?

Man findet nämlich sehr Viele, die in den Werken der schönen Künste den feinsten und richtigsten Geschmack haben, und dennoch in ihren Sitten das Haßliche und Unanständige nicht merken, das ein Underer, dessen Geschmack sonst vielleicht sehr ungebildet ist, mit der größten Sorgfalt zu vermeiden sucht. Nun läßt fich zwar einigermaßen begreifen, wie die Neigung zur Wollust und zur Weichlichkeit sich mit dem allerfeinsten Geschmade in den schönen Wissenschaften vertragt. Wie aber dieses in Ansehung des Geizes, der Mißgunst und anderer unmenschlichen Leidenschaften angeht, scheint ein Räthsel zu seyn.

*) Ich hatte 1757, als ich anfing die Bibl. der schönen Wissenschaften herauszugeben, einen Preis auf das beste einzusendende Trauerspiel ausgeseßt. Ich war nun Willens, einen ähnlichen Preis für einen in Prosa auszuführenden Gegenstand zu bestimmen. Dazu entwarf M. M. diese Vorschläge. Die Sache unterblieb, weil ich und Moses die Bibl. d. Tch. W. nicht fortsegten.

Anmerk. von Fr. Nicolai. IV, 1.

2

3.

Woher es kommt, daß die schönen Wissenschaften, wie bereits vielfältig bemerkt worden, in ihrem Fortgange nur einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreichen, alsdann plöglich aus der Art schlagen, und mit noch geschwinderen Schritten sich dem Verfall zu nahen scheinen, als fie vorhin zur Vollkommenheit gelangt sind?

Man glaubt nåmlich insgemein, die Begierde zur Neuerung und, es seinen Vorgångern zuvorzuthun, sei die Ursache der bemerkten Revolutionen. Könnte es aber nicht auch seyn, daß die fchönen Wissenschaften an ihrer innern Intensitåt verlieren, wenn der Geschmack an denselben allzu febr ausgebreitet wird?

4.

Giebt es ein allgemeines Rriterium der Schönheit? und worin besteht es?

3. Beantwortung einiger Fragen in der Schauspielkunst.

Um das S. 1774. (Aus der Neuen Berl. Monatsschrift. BD. 24. Jul. 1810. S. 11-17)

Erste Frage. - Kann man durch Regeln, ohne innere Empfindung, ein guter Schauspieler werden? Und hatte jene Actrice Recht, die ihre Schülerinn für ungeschickt hielt eine ver: liebte Rolle zu spielen, weil sie ihr gestand, daß sie in ihrem Leben nicht verliebt gewesen sei?

Antwort. Daß man eß in gewissen Stüden durch die übung bis zu großer Fertigkeit bringen könne, ist unstreitig. Wir sehen das tåglich an unsrer Fertigkeit im Lesen und Schreiben, und an den überaus, leichten und hurtigen Kriegsübungen der Preußen. Wie viel Regeln, die wir Anfang langsam und mit Mühe erlernt haben, müssen hier fast auf einmal executirt werden! Die Empfindung thut nichts dabei; und dennoch merkt man hier nichts von jener Unbiegsamkeit, die man mit Recht manchem åttern Künstler vorwirft, weil er bloß aus Kenntniß der Regeln und ohne Empfindung malte.

Die Ursache ist leicht zu finden. Eine jede Bewegung unsrer Gliedmaßen, die wir in ihre Theile aufiösen können, kann auch vermittelft gewisser Regeln hervorgebracht, und uns durch die Wiederholung der Regeln gleichsam natürlich werden. + Allein es giebt Bewegungen in den Muskeln unfers Körpers, von denen wir bloß klare Begriffe haben. Diese können nicht vermittelst der Regeln hervorgebracht werden. Man versuche es einmal, die Bewegungen alle zu machen, die dazu · nothig sind, folgende drei Worte auszusprechen, ohne sich die Tone dabei stillschweigend zu denken: Arma virumque cano. Sobald man aber die Låne fich denkt, so erfolgen alle dazu nóttige Bewer gungen gleichsam ohne Mühe.

Gleicherweise verhålt es sich mit den Ausdrücken der Affecte. Die Bewegungen der außeren Gliedmaßen, mit welchen fie begleitet zu werden pflegen, können durch die Übung vollkommen fertig nachgeahmt werden. Aber die Bewegung der Gesichtsmuskeln, die Inflexionen der Stimme, die sich in's Kleine vers lieren, können unmöglich anders hervorgebracht werden," außer wenn diejenigen Begriffe in unserer Seele erregt werden, die mit denselben correspondiren. Da nun die Kennzeichen der Uffecte durch keine symbolische Erkenntniß einer Gemüthsbewegung, sondern durch die wirkliche Anschauung, durch die Begeisterung der: selben hervorgebracht werden, so wird es für einen Schauspieler nicht genug seyn, wenn er es weiß: ich soll einen zornigen Uffect ausdrůden; sondern er muß diesen Uffect intuitiv fühlen.

Zweite Frage. Was thut die Fuusion zur Begeisterung eines Schauspielers?

Wir haben gesehen, daß die Affecte, die der Schauspieler ausbrüden rott, wirklich in ihm entstehen müssen. Nun kann dieses anders nicht geschehen, als vermittelst einer Slusion, indem er sich stillschweigend berebet, er sei die Person, die er vorstellt. Diese Illusion braucht aber kein deutlicher und lauter Vorsake des Schauspielers zu seyn; ja, es kann seiner anschauenden Er: kenntniß hinderlich werden, wenn er allzu deutlich an diesen Vorrak gedenkt. Allein er muß feine untern Seelenkräfte walten lassen. Die Menge der Begriffe, denen er sich nach und nach überlåßt, werden eine Urt von anschauender Illusion in ihm hervorbringen; und er muß sich nur båten, mit seinen obern Seelenkraften zu widersprechen. Er muß ausdrücklich an keinen Gegenstand gedenken, der ihn überzeugen kann, er sei die Person nicht, die er vorstellen soll. Kleider und Decoration helfen dem Schauspieler gar nichts. Diese &ußerlichen Gegenstände muß er zehnmal ansehen können, ohne dadurch in seiner auschauenden Sứusion gestórt zu werden.

Man wirft hierwider ein: „wenn der Schauspieler wirklich zornig ist, fo agirt er schlecht." — Allein soli uns dieß wuns dern? Wenn der Acteur zornig ist, so agirt er seine eigene Person, und nicht die des Helden, den er vorstellen roll; denn die Ursachen feines Zornes halten ihn ab, in alle die Begriffe eins zugehen, die zu seiner intuitiven Begeisterung nöthig sind. Mo er aber, den Charakteren unbeschadet, seine eigene Empfindung ausdrůden kann, da wird man allezeit den Sieg der Natur über die Kunst wahrnehmen.

Wir haben Erempel hiervon: 1) an dem Schauspieler, der die Elektra des Sophokles vorstellte; 2) an einer Stelle in dem Prolog zu Thomson's Coriolan. 3) Man sieht es auch auf der komischen Schaubühne, wenn der Schauspieler einem Frauen zimmer Liebe ausdrůden soll, das er wirklich liebt.

4. Von der lyrischen Poesie *).

Im I. 1777. (Uus der Neuen Berl. Monatsschrift. BD. 23. Mai 1810. S. 298—311.)

Die Begriffe stehen mit einander entweder in Real-Ver: bindung, so wie ihre Urbilder, die wirklichen Dinge außer uns,

*) Moses Mendelssohn hatte diese Gedanken über die psychologische Beschaffenheit der lyrischen Poesie seinem Freunde Engel zu Gefallen aufs gefegt, aber Thriftlich nicht ganz geendigt, weil fich beide mündlich über diesen Gegenstand unterhielten.

Anmerk. von Fr. Nicolai.

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