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theoretische Wahrheit ist, worauf sich der practische Sittenlehrer stúkt, wenn er die Empfindung wider den Selbstmorð einneh. men will; und ich bin zufrieden, wenn man inir einraumt, daß diese gewaltsame Handlung mit dem Gefeße der Natur streitet.

Da Sie dieses gethan haben, da Sie an einer Stelle Ihres Schreibens ausdrücklich gestehen, daß eine Vernunft durch ihre Natur verbunden fei, dem Menschen im Selbstmorde das Leben zu erhalten, so wären wir in dieser Sache einig, und ich konnte hier schließen; aber Sie scheinen mir zulegt auch diese Kleinigkeit nicht einräumen zu wollen; und ich gestehe es, daß ich einen Vortheil, den man mir einmal zuerkannt hat, nicht gern wieder abtrete. Ich werde also noch ein paar Worte hin. guthun müssen.

Sie bringen gegen das Ende Ihres Schreibens mit großer tem Nachdruck darauf: ich håtte den verzweiflungsvollen Selbsts mórder mit Trostgründen aufrichten sollen. Wenn das Gemüth von einem gegenwärtigen Schmerze angefochten wird, und wenn dieser Schmerz fo peinlich ist, daß wir unser Daseyn verwůn chen, so kann uns nichts anders heilen, als das anschauende Erkenntniß einer Vollkommenheit

, die das quálende Gefühl gleichs sam überwältigt. Der bloße Begriff des Dareyns, fagen Sie, ist ein abgesonderter Begriff, der niemals in das Herz übergeht; ein trockenes Gerippe, das mit Fleisch und Udern bekleidet werden muß, wenn uns seine Schönheit einnehmen foll; und ich gestehe es, daß ich Ihnen nichts zu antworten wußte, wenn ich die Absicht gehabt hätte, den Selbstmorder durch trockene Schlüsse in das Leben zurückzurufen. Wo die Vorurtheile tief Wurzel gefaßt haben, wo die Irrthümer in das Herz gedrungen, und durch lange Gewohnheit in eine schädliche Fertigkeit ausgeartet sind; da dringt die lautere Wahrheit nidit tiefer ein, als der Pfeil eines kraftlosen Priamus in das Schild des Pyrrhus ges drungen ist. Sollten in einem so entscheidenden Augenblicke Trostgründe die erwünschte Wirkung thun, To befiehlt die Klugheit, daß sich der Tröster selbst nach den Vorurtheilen des Elens den bequeme; daß er ihm das anschauende Erkenntniß einer Vollkommenheit vorlege, die er, ohne von seinem Irrthum abs zuweichen, für eine Vollkommenheit erkennt. Man predige einem Harpagon, der jegt die ganze Stadt foltern lassen will, weil ihm sein summum bonum, sein Geldkästchen, ist entwendet wors den; man predige dem die Nichtigkeit der irdischen Güter und die mehr als kindische Eitelkeit der überflüssigen Reichthúmer vor; er wird gewiß noch rasender werden, und, vielleicht den leidigen Tröster am ersten foltern lassen wollen. Sagen Sie ihm hingegen: man håtte irgendwo ein graurothes Kästchen geTehen, das — -; den Augenblick wird sich sein Gesicht aufheitern, und er wird Sie noch freudiger umarmen, als der trůbsinnige Weise, der vor seiner Vernid)tung geschauert, und der jekt von Ihnen seiner Unsterblichkeit versichert worden wäre. Haben aber deswegen alle moralische Gründe, die uns die elende Thorheit des Geizes lehren, gar keinen Nußen? oder sind sie immerdar unkräftig, einen Menschen von diesem verderblichen Laster abzuhalten, auch wenn er sie sich in gleidmüthigen Stun: den eingeprägt und durch eine wiederholte Übung gleichsam in sein eigen Blut verwandelt hat? Das Daseyn, das ich der Zer: nichtung entgegenseke, ist nur in der Demonstration, wo ich nothwendig allgemeine Formeln brauchen muß, ein abstracter Begriff. In der Anwendung auf besondere Falle, die ich dem practischen Sittenlehrer überlasse, kann es niemals von allen Vollkommenheiten leer seyn. Wo Mängel sind, da müssen auch Realitåten anzutreffen seyn. Das Gefühl der Schmerzen selbst zeigt auf einen gewissen Grad der Realität, der durch die uns vollkommenheit eingeschränkt, aber nicht gånzlich aufgehoben wird; und ich glaube bewiesen zu haben, daß der mindeste Grad der Vollkommenheit, in Vergleich gegen eine Zernichtung, unsrer Wahl den Ausschlag geben müsse. Nach meinen Begriffen wer: den angenehme und unangenehme Empfindungen durch keine be: stimmte Grenzen getrennt, weil beide nichts, als relative Be: griffe sind, die sich von dem kleinsten Grade der Realitåt in einer langen Reihe bis an das Unendliche erstrecken; und die Zernichtung ist ihr Abgrund.

Sie fragen mich irgendwo in Ihrem Schreiben: „oll das Gefühl meines Darenns angenehm oder schmerzhaft reyn?" Zergliedern Sie diese Frage. Soll ich mir die Begriffe, die ich habe, gern vorstellen wollen, oder ungern? Sollen sie mich voll: kommener oder unvollkommener machen? Sollen sie die Grenzen meines Dasenns nåber einschränken, oder erweitern ? Erinnern Sie sich hierbei, daß hier die Frage nicht ist, ob ich diese Begriffe, oder irgend andere wählen soll. Nein! To be or not to be, that is the question. Die Frage ist, ob mein Dasenn die Grånzen meiner Realitåt mehr oder weniger erweitern wird, als

meine Zernichtung. Wird es noch nöthig seyn, hierauf zu ants worten?

Ich komme zu einer Stelle in Ihrem Schreiben, wo ich besorge, Ihren Sinn nicht recht getroffen zu haben. Ich werde mir also eine nähere Erklärung darüber nusbitten müssen. Sie legen mir eine Vertheidigung in den Mund, die nicht besser håtte ausgedrü&t werben können. Das Gefühl des Dareyns", sagen Sie in meinem Namen, ,,besteht in der Deutlichkeit, Wirksamkeit und dem Umfange der Kraft, sich die Dinge vorzustellen; und dieses ist für keine Kleinigkeit zu achten." Wohl! dieses sei meine Antwort. Wenn Sie aber, um mir auch diese Ausflucht zu benehmen, die Frage aufwerfen: „macht uns unsere Vorstellungekraft deswegen glücklich, weil sie viel deutliche und voustån: dige Begriffe hervorbringt; oder darum, weil sie von solchen Gegenständen viel deutliche Legriffe hervorbringt, die uns Bers gnügen erwecken?" u. s. w.; so gestehe ich, daß ich nicht mit Ihnen geantwortet håtte: „mich dåucht, es ist das Lektere." Ich würde mich vielmehr auf alle Briefe des Theokles an Euphranor berufen *), worin ich ausgemacht zu haben glaube, daß uns diejenigen Vorstellungen angenehm sind, die unserm ursprünglichen Bedürfnisse, unserm Bestreben nach Erkenntnissen zuträglich find. Die Gleichnisse, die Sie zu Bestätigung Ihres Sakes angeführt, scheinen mir nichts weniger als überzeugend. Der menschliche Körper geråth wirklich in einen bessern Zustand, d. h. er wird gefunder, wenn die Wirksamkeit aller seiner Kräfte in einem gleichmäßigen Verhältnisse zunimmt. In einem hißigen Fieber werden nur die Lebensberregungen heftiger, die natürlichen hingegen nehmen ab; die Verdauung geht nicht vor fich, die Ausdůnstung wird unterbrochen u. P. W. Wundert man sich noch, daß ein bißiges Fieber eine Krankheit sei?

Die lebhafte Erkenntniß des Fiebers, die Sie sich auf Ihre Kosten erworben haben, ist Ihnen unangenehm, weil sie im genauen Verstande vielmehr ein Mangel des Erkenntnisses zu nennen ist. Sie erkennen nichts, als eine unvollkommenheit in Ihrem Körper, eine Mißstimmung in seinen Fibern, wodurch ihre eigene Realität auf eine Zeit lang eingeschränkt, und Ihr ganzes Wesen unvollkommner wird.

*) BD. I. Seite 107.

Wenn ein Wesen, das in widrige Leidenschaften verwickelt ist, deutliche Vorstellungen erlangt, so verschwinden die Leidens schaften, weil sie nothwendig dunkle Begriffe zum Grunde haben müssen; und ein Urzt, der eine vollkommene Einsicht hat von einer Krankheit, in welche er selbst verfallen ist, muß desto mißvergnügter seyn, je mehr diese Wissenschaft seine Furcht vers größert, und je gewisser sie ihm den nahen Tod vor Augen legt. Was Sie von den bösen Geistern sagen, ist mir völlig unbes greiflich. Ich glaube, der I... felbst kann nichts begehren, nisi sub ratione boni. Das Widerspiel hiervon streitet mit den ersten Gründen unseres Erkenntnisses. Wenn ein Geist eine deutliche und lebendige Erkenntniß von dem Guten und Bösen hat, so muß er das Gute wollen, oder er wird von dem Schopfer ursprünglich zum Bören bestimmt seyn, d. h. Gott muß ihn ursprünglich bestimmt haben, an seiner eigenen Vernichtung zu arbeiten. Ein ungeheurer Begriff, der nur in einer poetischen Welt für möglich angenommen werden kann! Jedoch audy die Dichter erlauben sich keine solche ungebundene Freiheit; fie lassen den König der Hölle selbst nie etwas ohne Bewegungsgrund bes schließen; er schmiedet die entfeßlichsten Anschläge, er sinnt auf Bosheit, bloß aus eitler Ruhmbegierde:

Ile trusted to have equal'd the most High,

If he oppos'd. Es liegt also lauter Unwissenheit, lauter falsche Urtheile liegen zum Grunde, die ihm fein Vorhaben als wirklich gut vorstellen; und wenn die Dichter an manchen Stellen hiervon abgewichen zu seyn scheinen, so kann ihr Versehen der Wahrheit keinen Eintrag thun. Nach den Begriffen, die wir uns von Gott und von dem Wesen eines Geistes machen müssen, ist der årgste Schalk, von einer gewissen Seite betrachtet, ein Thor; und wenn Satans Erkenntniß fo lebendig als groß, wenn seine Fass sungskraft so deutlich als schnell wäre, so wäre Satan moralisch nothwendig ein Engel.

Der zweite Ladel, den Sie wider meinin Beweis vor: bringen, beruht auf der Gleichgültigkeit, mit welcher, nach Ihrer Meinung, ein Unglåubiger das größte Übel, das der Zernichtung, ansehen muß. Sie nehmen über sich, zu beweisen, daß der, welcher seiner Meinung nach der Bernichtung höchstens nur eine Zeit lang entrinnen kann, durch die Vernunft verbunden sei, fich

zu allen Zeiten und in allen Umständen, in Glück und Unglück, in Freude und Leid, das Leben zu nehmen. Hier ist es eigentlich, wo Sie dasjenige wieder bestreiten, was Sie mir Anfangs scheinen zugegeben zu haben. Was soll ich hierauf antworten? Verzeihen Sie meine Hartnådigkeit! Ich glaube, Ihre Art, den Ungläubigen ad absurdum zu bringen, wird meinem Beweise erst den Nachdruck geben, der ihm sonst gefehlt hätte. Ich gestehe es, liebenswürdiger Gegner! Sie haben mir in dem System der Zernichtung eine Aussicht gezeigt, die ich nicht genug bewundern, nicht genug verabscheuen kann. Håtte ich diesen Gedanken vormals so deutlich eingesehen, als er mir jekt in die Augen leuchtet, so würde ich dem Unglaubigen meine Schlingen näher gelegt haben.

„Du gestehest es", båtte ich ihn angeredet, ,,daß alle deine Wünsche, alle Bestimmungen deines Willens auf eine wahre oder scheinbare Bollkommenheit abzielen. Entweder du fühlst es, daß diese Vollkommenheit, dieser Endzweck aller deiner Begierden eine Ewigkeit in sich faßt, weil eine Realitåt von einer einges schránkten Dauer unwürdig ist, dem Bestreben eines vernünftigen Wesens zum Ziele gesegt zu werden; oder du nennst die Ewigkeit eines zufälligen Dinges ein Hirngespinnst, und glaubst, eine zeitliche Boukommenheit interessirt dich genug, um sie einer Unvollkommenheit vorzuziehen." Denn wahrlich, eines von beiden muß er annehmen, wenn er Geduld genug hat, auf sich selbst Ucht zu haben.

Gefeßt, er behaupte das Erstere, so wäre er durch einen einzigen Vernunftschluß auf die håßlichste Behauptung zu bringen, bie jemals ist gedacht worden, und von welcher Sie mit Recht sagen, daß fie die Natur eines jeden vernünftigen Wesens aufwiegele. Er wird nichts wünschen, nichts wollen, nichts verlangen können; und sowohl das wahre, als das scheinbare Gute muß in seinen Augen alle Vorzüge verlieren, wodurch sie fähig seyn könnten, seine Wahl zu bestimmen. Kurz! er wird in Glůdk und Unglück, in Freude und Leid verbunden seyn, sich die Kehle abzuschneiden.

Will er also in seinem Unglauben beharren, so muß er zu bem lestern Falle seine Zuflucht nehmen. Er muß fagen: ,,larset die Vollkommenheit, die ich erreichen kann, immer von einer eingeschränkten Dauer seyn. Das loos eines endlichen Wesens bringt es also mit sich. Es würde nach unmöglichkeiten streben,

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