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menschlichen Gesellschaft, die alle internationalen Grenzen überspringt und so, wie man wohl sagen kann, ein ununterbrochenes Ganzes von der ersten durch Aufzeichnungen bekannten Zeit an bis zum heutigen Tage bildet. Die Geschichte ist das Bild der Civilisation, wie jene große Arbeit der Menschenföhne miteinander genannt worden ist. Nicht allein der Einzelmensch, sondern auch der Collectivmensch ,, ist zu seinem Werk und zu seiner Arbeit ausgegangen bis zum Abend“ und die Geschichte hat immer beschrieben, was er gethan hat. Wie aber seine Werke gewesen sind, groß oder klein, einfach oder verwickelt, abgebrochen, getheilt und von einander abweichend oder wieder in einem Bunkte zusammenlaufend und wie durch einen gewaltigen innern Trieb energisch mit einander zusammenwirkend, so ist auch seine Geschichte gewesen; denn sie war nur das Bild des Menschen und der Gesellschaft, welche er mit seinen Gefährten bildet. Wir wollen nun auf diesen Gang der Geschichte einen Blick werfen und wir wer: den finden, daß derselbe uns auf unseren Gegenstand führt./

Beim ersteu Beginn der Nationen, wenn die Familie zum Stamm und der Stamm zum Bolfe wird, wirft der Mensch wie eines Zweckes unbewußt. Die Söhne Noah's zogen aus, die Erde zu bejißen, sie zu unterwerfen und 311 cultiviren. Das Bedürfniß des Tages schreibt seine Arbeit vor. Aber diese uranfängliche Gesellschaft denkt so wenig über sich oder über die Gegenstände um sie her, ordnet und erklärt sie so wenig, wie ein Kind. Fa, gleich dem Rinde ist sie ein Ges schöpf der Gewohnheiten und der Tradition; sie liebt ein kräftiges, äußerliches, physisches Leben; sie hat starfe, allgemeine Empfindungen; sie denkt wenig, aber sie hat ein lebhaftes Gefühl. Große Thaten persönlichen Muthes, gewaltige Unternehmungen, überstandene Gefahren weilen in ihrem Gedächtniß. Insofern gleicht sie auch einem edlen Jünglinge, dessen Triebe und Impulje lebhafter und heftiger, zuweilen vielleicht auch anziehender sind, als das gemiegte Denken des bejahrten Mannes. Und da diese jugendliche Gesellschaft in der Tradition lebt und unbewußt von ihr beherrscht wird, jo sucht sie diesen Erinnerungen, von denen sie erfüllt ist, eine

Stimme zu geben, und auf diese Weise beginnt die Geschichte. Deshalb ist die Geschichte in ihrem Anfang immer mit der Poesie verbunden und ist in ihren ersten Formen oft identisch mit ihr. So wird uns der Held geschildert, wie er am Meeresufer sigt und „den Ruhm der Männer" singt, deren große Thaten der göttliche Rhapsode alsbald in unsterbliche Verse bringt, wodurch er der Vater der Geschichte sowohl, als des Gejanges, der Urquell einer unvergleichlichen Sprache, der ewigsprudelnde Brunnen für die intellectuellste der menschlichen Raçen wird. Ebenso verhielt es sich an der Geburtsstätte jenes rauheren Geschlechtes, dessen Bestimmung es war, die Welt mehr zu regieren, als sie zu lehren. Leider blieb uns fein lateinischer Homer, der uns jagen fonnte

Wie muthig Horatius die Brücke hielt

In den tapferen Tagen der Vorzeit.", Aber wir wissen, daß bei den römischen Gastmählern die Jugend gelehrt wurde, die Thaten Fener, welche das vom Wolfe gesäugte Geschlecht des Mars gegründet, aufgezogen oder erhalten hatten , 311 bewundern und nachzuahmen, wie dadurch die Namen Lucretia und Brutus eine ewiglebendige Kraft erhielten, und von Generation auf Generation von der Ersteren die römische Matrone die Reuschheit, von dem Leba teren der römische Bürger den unauslöschlichen þaß gegen die despotische Gewalt ererbte. Ferner, als die nordischen Stämme bereinbrachen, um das römische Reich zu stürzen, die Sachsen und die Dänen, die Normanen, Franken und Gothen, hörten sie beim Gastmahl wieder die. Thaten ihrer Seekönige und Häuptlinge erzählen. Dies ist zugleich ihre Geschichte und ihre Poesie. /

Die Gesellschaft schreitet aber einen Schritt weiter vor und mit ihr die Geschichte. Der pelasgische Stamm nimmt feste Wohnpläge ein; die Stadt der Latiner wächst; der Nordländer bebaut das Erdreich. Um diese Beriode finden wir die chronicalischen Aufzeichnungen nicht mehr in metrischer Form, sondern jene Ereignisse, welche einen besonderen Eindruck auf die Phantasie machen, werden kurz, ohne Zusammenhang und wechselseitige Beziehungen, jo zu jagen planlos erzählt und

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einfach aneinander gereiht. Der Art waren, wie wir vermuthen dürfen, die ,, Annales Pontificum"; so war in einem andern Klima und zu einer anderen Zeit die Sachsenchronik. Dies ist nur die äußere Seite der Geschichte : die Erzählung von dem Drama des Lebens, gerade, wie es einem Zuschauer erscheint ; voll von seinem wahren Geiste, aber ohne Selbstbewußtsein.

Die Gesellschaft schreitet noch einen Schritt weiter und dieses ist ein großer Schritt. Jene geheimnisvollen Kräfte der Raçe, die Sprache sowohl, als die ursprünglichen Institutionen und erblichen Geseke, die Sympathien oder Antipathien, welche sich von der eigentlichen Wiege des Menschengeschlechtes herschreiben, wachsen mit einander auf zu jenem verwickelten, mächtigen, beinahe unzerstörbaren moralischen Wesen, das Nation heißt. Die Menschen sind keine Kinder mehr; sie haben das Bewußtsein ihrer selbst und eines gemeinsamen Zweckes, eines eroberten Namens, einer bestimmten und unterschiedenen Thätigkeit, eines Etwas, das ihrem eigenen Geschlecht und Lande, ihrer eigenen Sprache angehört, und feiner andern. Die Gesellschaft ist national geworden und sofort wird die Geschichte politisch. Welches immer der Gang der Gesellschaft fein möge, jener der Geschichte wird in Wechselwirkung zu ihr stehen.

Um das Gesagte näher zu erläutern, wollen wir zur Literatur jenes Landes, dem wir soviel zu danken haben, zurück gehen. Der so oft der Vater der Geschichte genannte Herodot ist ein Beispiel des Ueberganges, von dem ich spreche. Er erscheint uns als ein Mann von großer Thätigkeit und wißbegierigem Geiste, der die Macht und den Willen hat, überall Wissen zu suchen. Er entspricht buchstäblich der Schilderung, welche der Dichter von jenem Helden entwirft, der Vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt hat."

Es ist, als ob er sich den Saß eines andern großen Dichters zu Herzen genommen habe:

Ein Jüngling, der die Heimath nie verließ,
Bleibt auch beschränkt in seiner Heimath Kreis."

Noch war das Wissen nicht an großen Sammelpläßen aufgespeichert; er reiste von Ort zu Ort darnach; er sah, er hörte und dachte für sich darüber nach. Es war einst an der Tagesordnung, ihn einen angenehmen Geschichtenerzähler zu nennen, mit trüglichem Blick und leichtgläubigem Ohr; diese Ansicht ist aber eine vollständig überwundene. Er lauschte vielmehr gedankenvoll auf alle Gelehrsamkeit der egyptischen Priester ; er sammelte alle Traditionen, welche in den griechiichen Drafelstätten, in den Tempeln und Ortschaften verborgen lagen; alle Rüsten des mittelländischen Meeres mußten ihm ihren Tribut entrichten und er verwob den bunten Schap zu jener Mischung von Chronik und Geschichte, von lebendiger Erzählung, religiösem Grübeln und politischem Wissen, eine Form, welche, die Welt möge was immer fiir eine Ges stalt annehmen, nie ihren Reiz verlieren wird. Durch seine ganze Erzählung zieht sich indessen ein leitender Faden. Die Nationen, deren Geschichte oder vielmehr Traditionen er er forscht, verbindet er miteinander durch ihre Beziehung zu jener grimmigen, aufhörlichen Feindichaft zwischen Europa und Asien, deren furchtbaren Ansbruch im Kriegszuge des Xerres das ihm unmittelbar vorhergehende Zeitalter gesehen hatte.

Jener gewaltige Angriff auf die Freiheiten der Griechen hatte ihre Stämme trog ihres innern Antagonismus in ein Volf, in eine Gesellschaft verschmolzen; und kaum eine halbe Generation nach ihm sehen wir, wie die Geschichte, welche wir die politische Geschichte der Alten nennen fönnen, in Thucidides eine Vollkommenheit erreicht, die niemals übertroffen worden ist. Diese Geschichte kann man eine politische nennen, weil die menschliche Gesellschaft damals die ydee eines Volkes schon vollständig verwirklichte. Die höchste Form der menschlichen Organisation, womit die Menschen vertraut maren, war die nohteia; auch brauchen wir hier wohl nicht zu sagen, daß sowohl bei den Griechen, als bei den Römern dieser Name vielmehr von der Bevölkerung einer Stadt und eines angrenzenden, sich um dieselbe anhäufenden Volfes ab: geleitet wurde, als von der Bevölkerung eines Königreiches oder Landstriches, wo viele Ortschaften, Städte und Dörfer unter einem Gesetz und nach einer Regel lebten. Ohne Zweifel bezeichnet das Wort nohitela oder civitas das Wachsthum des Staates aus dem Heim der Stadt, während ,, Nönigreich“ sich von der Person des Fürsten herleitet ; vielleicht fönnte man das erstere das griechisch-lateinische, das legtere das asiatische Regierungsprincip niennen. Sowohl die Griechen, als die Könier waren mit großen östlichen Königreichen, . welche vollkommen die moderne Idee einer Nation darstellen, genau bekannt, und Alerander eroberte und regierte ein solches Reich, abgesehen davon, daß aus dessen Bestandtheilen mehrere Königreiche im modernen Sinne des Wortes hervorgingen. Die Gesellschaft war damals national geworden und die Geichichte hielt Schritt mit ihr. Wollen wir nun den Charakter dieser politischen Geschichte näher betrachten.

Ihre Grenze ist die Nation und sie handelt von Allem, was die Nation angeht. Innerhalb der bejchränkten Grenzen jenes berühmten peloponnesischen Krieges sind die Leidenschaften aufgeregt, politische Interessen stehen auf dem Spiel, Rivalitäten beherrschen den Kampfplatz, gerade wie nun in der weiteren Sphäre Europa's. Jede Regierungsform sieht man dort im Keiin; jeder politische Antagonismus geht seinen beschränkten, aber fest bestimmten Gang, und erst kürzlich hat das bedeutendste Organ der öffentlichen Meinung in England die Leichenrede des Perifles ausgewählt, im Englands Empfindung über die bei Sebastopol erlittenen Verluste auszudrücken. In der That liegt ein großer Reiz darin, wenn der Schriftsteller mit dem Pinsel eines Boeten zu schildern und mit der geistigen Gewalt eines Philosophen auseinander zu jeten weiß. Dies ist das doppelte Verdienst des Thucidides. Und so kam es, daß die tiefsten Forscher der menschlichen Naz tur zweitausend Jahre lang die Aufzeichnungen über einen Strieg studirten, dessen Vauptbetheiligte über fein größeres Terrain geboten, als etwa eine moderne englische oder irische Grafschaft einnimmt. Was würden wir sagen, wenn ein Streit zwischen Bent und Esser, zwischen Corf und Herry für immer

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