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Europa ist eine Reliquie des Christenthums, dessen Kraft noch nicht von ihr gewichen ist. Gregor VII. und Jnnocenz III. haben über Generationen geherrscht, von denen sie nicht erkannt waren, haben Geister in das Leben gerufen, welche ihre Wohlthäter engherziger Pfaffentücke beschuldigten und den Handlungen dieser Wohlthäter eine verwerfliche Theorie unterschoben. Wir wollen als Beispiel jene Periode der letzten drei Jahrhunderte anführen, welche in moralischer Beziehung die schlimmste und empörendste war die dreißig Jahre, welche der großen französischen Revolution vorhergingen. Wir werden sehen, daß zu dieser Zeit selbst Männer, die mit der ganzen Festigkeit eines widerstrebenden Willens sich dem erneuenden Einfluß des Christenthums widerseßten, sich nicht von der Gewalt der Atmosphäre frei machen konnten, die sie eingeathmet hatten. Sie sind durch die Kraft jenes Glaubens, den sie falsch darstellten und von sich stießen, unermeßlich größer, als sie es in heidnischen Zeiten gewesen sein würden. Um die Wahrheit meiner Worte zu beweisen, wollen wir für einen Augenblick den großen Künstler, der Tiberius und Domitian, sowie das römische Reich im ersten Jahrhundert zeichnete, mit Demjenigen vergleichen, welcher sein Sinken und seinen Fall im zweiten und den nachfolgenden Jahrhunderten darstellte. Wieviel weiter ist der Gedankenkreis, wie viel mannichfaltiger die mit einem philosophischen Zwecke verbundene Erfahrung bei Gibbon, als bei Tacitus! Er hat eine Richtschnur in sich, nach welcher er die Nationen, wie sie in langem Zuge an ihm vorbeiziehen, bemessen kann. In jenem erstaunlichen und wundervollen Drama der Antonine und Constantine, des Athanasius und des Leo, des Justinian und Karls des Großen, des Mohamet, Dschinghiskhan und Timour, der Weltstädte Jerusalem und Mecca, Rom und Constantinopel welche Schäße von Gedanken liegen da vor, welche Fülle von Schlußfolgerungen vom Allgemeinen auf das Einzelne! Um wieviel größer ist diese Welt, als jene, welche vor einem Cäsar zitterte! Selbst der Apostat zieht Nußen aus jenem Lichte, welches auf dem Tabor geleuchtet hat, und von dem Blute, das auf Calvaria geflossen ist. Er ist ein größerer

Geschichtsschreiber, als sein heidnischer Vorgänger, weil er in einer Gesellschaft lebte, welcher von Gott, dem er für seine Person untreu geworden, die Tiefe ihres Wesens, die Geseze ihres Ganges, die Wichtigkeit ihrer Gegenwart, der Werth ihrer Zukunft geoffenbart worden./

So kann man es eine Nothwendigkeit der modernen Geschichte nennen, daß sie eine philosophische geworden ist. Sie muß nicht nur den Gang der Dinge, sondern auch ihre Resultate, nicht nur die Thatsachen, sondern auch ihre Gründe geben. Die Civilisation, die sie getreu darstellen muß, hat jene der Alten weit überflügelt, und zwar nicht nur in den materiellen Künsten, welche dem bürgerlichen Leben Wohlstand und Behagen verleihen, sondern vorzugsweise darin, daß sie in der Person ihres Erlösers ein Band und eine Bürgschaft für das ganze Geschlecht besitzt dieses Erlösers, welcher der alten Welt zu ihrem Unglück fehlte, weßhalb auch ihr Gang unklar und schwankend und ihr Ziel in Dunkel gehüllt war. Wo es nun aber keinen bestimmten Gang und kein flar erkanntes Ziel giebt, ist eine philosophische Beobachtung über Ursache und Wirkung kaum möglich. Wie traurig war es, das Steigen und Fallen der assyrischen und persischen, der macedonischen und römischen Herrschaft geschichtlich darzustellen, bevor der Schlüssel dazu gegeben war! Allzu oft hat sich die Philosophie in der Hand moderner Schriftsteller gegen die Kraft, durch die sie geworden, was sie ist, undankbar gezeigt; und nicht nur undankbar, sondern auch uneingedenk ihrer Pflicht. Das Christenthum, diese mächtige Schöpfung der Kirche, hat der modernen Gesellschaft ein unvertilgbares Gepräze verliehen. Dasselbe hat sie zugleich vor den Ausschreitungen und der Engherzigkeit solcher Eroberer, wie die Römer waren, beschüßt. Keine politische Organisation kann sich mehr rühmen, die ganze Welt beherrschen zu wollen, und nie wieder kann sie die Menschheit auf ihre eigenen Grenzen beschränken. Selbst jetzt, obgleich erschüttert und aus dem Gleichgewichte gebracht, unter halb unterdrückten Revolutionen. seufzend und von unheilvollen Schismen zerrissen, fühlt sich Europa doch Eins in sich und der Stolz der stolzesten Nation

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fügt sich darein, ihre Geschichte nur als einen Theil und als ein Glied eines größeren Ganzen behandelt zu sehen. Wir haben den Ausdruck barbarisch von den alten Griechen beibehalten, aber seine Bedeutung verändert. Wir bezeichnen damit nicht mehr, was ausländisch und uns fremd ist, sondern das, was von dem allgemeinen Gesetz des civilisirten Lebens, an dem so viele Nationen Theil nehmen, abweicht; und die Civilisation selbst, der Gang der zeitlichen Schicksale des Menschen, kann nicht mehr von jenem Ocean ihres ewigen Zustandes, in welchen man sie münden sieht, getrennt werden.

Das ist die Ursache, weßhalb der moderne Geschichtsschreiber die Gesellschaft von einem höheren Gesichtspunkte aus betrachtet, als der alte. Sein Centrum und sein Gesetz liegt für ihn nicht in der Nation, sondern in dem größeren Ganzen der Menschheit, welche die Person des Gottmenschen ihm geoffenbart hat. Er sieht eine Schaar von Nationen vor sich, die in der That eine Republik mit einem gemeinsamen Geset gewesen ist, die noch immer Theile und Glieder, gemeinsame Sympathien und Antipathien hat, wo Keiner einen moralischen oder intellectuellen Vorrang einnimmt, und große Tugenden großen Fehlern die Waage halten. Es ist ein wechselseitiges Geben und Nehmen; eine Aktion und eine Reaktion rings um ihn her. Hier sieht er vielleicht ein Geschlecht auf dem Höhepunkte seiner natürlichen Kraft und Energie, voller Ausdauer, meistens vom Erfolg gekrönt, aber stolz, hart und weltlich; dort ein anderes, bei dem Gedanke und Handlung einander durchdringen, strebsamer, freier und weicher, und bei alledem so lebhaft, verwegen und gleichgeartet, daß ein einziges Gefühl die ganze Masse elektrisiren kann, daß ein einzelner Mann, der geheime personificirte Gedanke der Nation, absolute Gewalt an sich reißt und sie eine Zeit lang mit überwältigender Macht beherrscht. Ein drittes Volk mit ungeheueren und noch unbekannten Kräften, von einem Stamm und Bint, in der Gewalt seiner rohen Ungebändigtheit asiatisch, in der Schmiegsamkeit unter die Civilisation europäisch, durch einen beinahe unvernünftigen Gehorsam zusammen gehalten und vermittelst einer ungeheueren, fünftigen Triumphen

entgegensehenden militärischen Hierarchie regiert. Viertens stellt sich eine Schaar von Nationen dar, die verschieden im Blut, in der Sprache, in den socialen Institutionen, in ihrem Fortschritte sind, in dem gemeinsamen Oberhaupte aber einen Berührungspunkt, ein Centrum der Einheit finden und dessen Thron Jahrhunderte lang mit unerschütterlicher Treue aufrecht halten. Andere wieder scheinen den untergeordneten und doch nicht unbedeutenden Gliedern einer großen Conföderation zu gleichen; sie füllen die Lücken in dem großen Baue aus, während einige mehr in ihrem vergangenen Ruhme, als in ihrer gegenwärtigen Macht groß sind magni nominis umbra - einst reich an Künsten und Waffen und in dem Gedanken, der die Menschheit beherrscht. Alle diese Völker und Nationen. folgen fortwährend einem bestimmten Gang und Fortschritt; eine gemeinsame Civilisation hat ihre bestimmte nationale Färbung; Raçe und Religion bringen ihr vermischtes Resultat hervor; und die philosophische Geschichte hat nicht nur mit strenger Genauigkeit Thatsachen zu berichten, nicht nur ein Panorama von Krieg und Frieden zu entrollen, von äußerer Handlung und innerer Entwickelung, wie sie vorwärts schreitet, sondern den Fortschritt zu vergleichen und abzuschäßen und die Nationen in ihrer Stufenfolge nach einer Richtschnur zu bemessen, die sie alle anerkennen./

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Sind wir nun also bei dem eigentlichen Gegenstande, den wir im Auge hatten, angelangt und ist eine solche philosophische Geschichte identisch mit der Philosophie der Geschichte? Beide haben, glaube ich, in der That viel Gemeinsames; nur ist diese Lettere, wenn ich nicht irre, eine noch gereiftere Frucht der Civilisation. Wir wollen suchen, den Unterschied zwischen Beiden genauer anzugeben./

In welcher Verbindung auch die Geschichte Philosophie genannt werden mag, muß doch ihre Basis, wenn sie ihrer eigenen Natur getreu ist, die Erzählung sein. Sie hat Ereignisse darzustellen, ob dieselben einfach oder complicirt, durch Sympathie die Einbildungskraft anregend oder die Vernunft übend sein mögen. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte einer einzelnen Nation während eines gegebenen Zeitraumes

von mäßiger Länge, etwa von fünfzig Jahren. Welche Menge von verschiedenen Dingen drängen sich sofort dem menschlichen. Geiste auf der Krieg mit seinen tausend Zwischenfällen, die Diplomatie, die Politik, die Gesetzgebung, die Literatur, die Nationalökonomie, die Religion. Dies ist nur ein Beispiel. Alles dieses muß geschildert werden. Eine genaue und lebendige Erzählung darüber muß dem philosophischen Theile der Geschichte, der folgerechten Darlegung der Resultate, der Vergleichung, dem Entgegenstellen, der Verallgemeinerung vorhergehen; auch wird kein Aufwand von philosophischer Kunst und Gewandtheit im leßteren Theil den Mangel an dramatischer Kraft im ersteren ersehen. Welche Verwirrung herrscht jedoch hier! Welche Mannichfaltigkeit von Einzelnheiten! Ein jeder dieser Punkte, die wirkende Kraft einer Nation, ihre Politik, ihre Gesetzgebung, ihre Literatur, ihre Nationalökonomie, der Zustand ihrer Religiosität, Alles hat sein eigenes Wachsthum und seinen Fortschritt, seinen philosophischen Gesichtspunkt, seine mannichfaltigen Thatsachen und die Geseze, welche ihr lezter Ausdruck find. Wie ist es möglich, Einheit der Auffassung in eine solche Menge verschiedener Dinge zu bringen?

Auf diesem Punkte nun tritt die Philosophie der Geschichte auf. Ihre specielle Stärke liegt gerade in dieser Einheit der Auffassung./

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Sie nimmt einen dieser Punkte heraus; sie folgt ihm so zu sagen von der Wiege an, durch alle Abenteuer, durch seine Prüfungen, Conflikte und Fortschritte, seine Niederlagen, seine Wiederherstellung bis zu seinem Erfolg; sie giebt, wenn man so sagen darf, die Biographie einer Idee verleiht Leben und Farbe einer Abstraktion faßt eine Kette von Ereig nissen in ihren Resultaten zusammen. Die Geschichte einer Nation", sagt Barante, der selbst ein so trefflicher Erzähler ist, „besteht nicht nur in der chronikenartigen Aufzeichnung ihrer Kriege und Revolutionen, in der lebensvollen Darstellung ihrer hervorragenden Männer. Das ist immer noch blos das äußere Drama der Geschichte. Die Geschichte der Ursachen, welche nicht offen vor Augen liegen, wird verlangt; ja, manche Geister mögen diese selbst der Geschichte der Wirkungen, welche

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