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die Welt in staunender Bewunderung gehalten hätte? Und doch waren Attica und Lafonien nicht größer./

Fünfhundert Jahre sind vorüber und die Geschichte scheint kaum ihr Gebiet erweitert zu haben. Sie handelt freilich von einem räumlich weiter ausgedehnten Striche -- von dem mertwürdigen Reiche jener Stadt, die alle, von dem mittelländischen Meere, der großen Wasserstraße der alten Welt, bespülten Länder unter einer Herrschaft vereinigte. Deßhalb könnte es scheinen, als umfasse sie den orbis terrarum. Dennoch gewahren wir beim Lesen des Polybius, des Vivius und jelbst des Tacitus feinen großartigeren Gedankengang, feine erwei terte Erfahrung in politischen Interessen, feine höhere ydee vom Menschen und von Allem, was sein persönliches oder öffentliches Leben betrifft, als bei Thucidides. Ich will hier nicht die Eigenthümlichkeiten dieser verschiedenen großen Meister vergleichen, sondern suche nur die Idee, nach welcher ihre Werke geschrieben sind, zu verfolgen. Und immer noch finde ich, daß die noliteia oder civitas den Kernpunkt dieser Geschichtsauffassung bildet. Rom ist ohne Zweifel weit größer, als Athen. Seine eijerne Hand schlägt nacheinander erbarmungslos die schönsten der griechischen Städte darnieder. Sy rafus und Corinth mit all' ihren Säulen und Statuen sinfen vor ihm zusammen. Vergebens begegnet ihm Carthago in hundert Nämpfen zur See und zu Land; das einzige Rejultat davon ist, daß der römische Verbannte auf Carthago's Trümmern moralisirt. Ferner besteht ein großer Unterschied zwischen einem Polycrates oder einem Pijistratus und einem Herrn über dreißig Legionen, mit dem nicht gut streiten war; aber dies ist ein Unterschied in Maaß und Zahl und nicht in Wesen und Art. Auch erreichte der Cäfar in seiner beinahe weltumfassenden Verrschaft keine höhere Einheit der Menschheit, als die nationale Einheit, und wenn auch der Maler eines servilen Senates und entarteten Volfes, eines Nero oder Domitian und des Reiches ,,super et Garamantas et Indos" eine größere Leinwand vor sich hatte, jo gruppirte er doch jeine Figuren nicht nach einem tieferen Gedankeu, als Derjenige, welcher den Kampf in der Bucht vou Syracus schilderte oder die Rede über die Todten zu Athen verewigte. In einer Beziehung freilich wird diese politische Geschichte der Alten niemals übertroffen werden, wird sie vielleicht nie ihres Gleichen finden --- ich meine als Kunstwerf. Bisher habe ich die Geschichte von einem andern Gesichtspunkte aus betrachtet: in Bezug auf ihr Wesen, nicht auf ihre Form, auf ihren inneren Gedanken, nicht auf ihr äußeres Gewand. Alle diese großen Meister waren geborne Künstler, und sie hatten ein Material zu bearbeiten, wie heutzutage Reiner mehr ein solchez erwarten kann. Sie besaßen als Werkzeuge ihres Gedankens zwei Sprachen, die in ihrem Charakter sehr verschieden, an Originalität, Schönheit und Fülle des Ausdruckes einer jeden den modernen Nationen zugefallenen überlegen sind. Der Marmor vom Bentelicue und von Carrara schafft auch gute Bildhauer. Sicher ist es, daß jene Meister des alten Denkens es nicht unter ihrer Würde erachteten, viele Zeit auf die Form des Ausdruckes zu verwenden. Diejenigen freilich, welche es nur mit Backsteinen zu thun haben, halten es für unnütz, ein so unedles Material zu modelliren, oder schrecken vor dem Versuch zurück, in Stein mit den edlen Formen des Marmors zu wetteifern. Dennoch habe ich es oft beklagt, daß Historifer, die sich durch einen Vergleich zwischen ihrem Gegenstand und jenem des Thucidides oder Tacitus beleidigt fühlen würden, zu einem Styl herunterjinken, den die Griechen eines atheniensischen Barbiers und die Römer eines freigelassenen Sklaven unwürdig erachtet haben würden..

Auch besißen die alten Historifer nicht nur im Styl und im Ausdruck des Gedankens eine so große Vortrefflichkeit; das gleiche Verdienst fällt ihnen in der Erzählung, das heißt, im poetischen und malerischen Theile der Geschichte zu. Ihre Geschichte ist ein Drama, in welchem die Handelnden und die Ereignisse für sich selbst reden. Der Autor führt nicht nach der egoistischen Weise so vieler moderner Schriftsteller fortwährend sich und seine persönlichen Gefühle vor. Es ist der Un : terschied zwischen Shakespeare und einem modernen Romanschreiber. Bei dem Ersteren treten die Charaktere vor den Geist und prägen sich dem Gefühl durch Handeln und Leiden ein; bei dem Legteren wird uns fortwährend erzählt, daß die Helden tapfer und gewandt und die Heldinnen Muster von Schönheit seien. Wie wir einen Othello oder Þamlet em pfinden, jo begreifen wir, wie auf einem Schlachtfelde des Livius, während die Kämpfenden im Gefechte sind, ,, ein Erdbeben ungehört vorüberrollt." Der Geschichtsschreiber ist noch nicht zum unzeitigen Moralisten oder zum langweiligen Difsertationenschreiber geworden. Er ist der große Maler der menschlichen Natur und vergißt über seinem Gegenstand sich selbst. /

Was aber den philojophischen Theil der Geschichte betrifft - die Beziehung der Ereignisse zu einander, Ursache und Wirkung, das Erfassen der großen ersten Grundursachen, die Verallgemeinerung der Thatsachen wie sollen wir in Bezug hierauf über die politische Geschichte der Alten urtheilen? Sie hatten sorgfältig aufgezeichnet, was immer zum bürgerlichen Leben des Menschen, zur politischen Organisation der menschlichen Gesellschaft in nationalen Kreisen gehörte; aber die Beziehungen der Nationen zu einander, das größere Ganze der Menschheit jelbst hatten sie nicht erreicht. Vielleicht ist für einen solchen Fortschritt der Gang der Geschichte im Gedächtniß der Menschheit ein zu kurzer, ihre Erfahrung eine zu einfache, ihre Führung eine nicht genug in die Augen fallende gewesen. Es mußte sich mit dem Menschen, mit der Gesellschaft, mit der Menschheit erst Etwas ereignen, bevor ein jolches Resultat erreicht werden konnte. Denn die Geschichte ist, wie wir bemerkt haben, das Bild der Civilisation der Menschheit, wie sie ist; und die Wirklichkeit muß vorhanden jein, bevor ihr Bild gezeichnet werden kann. Die Abhandlung De Civitate Dei ausgenommen, von der wir später handeln werden, dieses herrliche Werk eines großen und heiligen Geistes, welcher vermuthlich mehr Einfluß auf das menschliche Denken ausgeübt hat, als irgend ein nicht von Oben inspirirter Schriftsteller, diese Abhandlung ausgenommen, müssen wir, um einen Fortschritt in der ydee der Geschichte zu finden, eine lange Zeitperiode überspringen, während welcher Europa nach den durch die Einfälle der Barbaren verursachten Erschütterungen sich selbst wieder herstellen mußte. Ends lich, nachdem zu Anfang des jechszehnten Jahrhunderts die modernen Nationalitäten sich gebildet hatten, brachte die Wiederbelebung der alten Literatur für einige Zeit eine Rückkehr zur politischen Geschichte der Alten, wenigstens in der äußeren Form, hervor. Dies war es, was dem Geiste Machiavellis und Guicciardinis vorschwebte. Die Welt hat aber diesen Standpunft überwunden; sie hat eine höhere Reife erreicht. Hätte man sich wegen der ausgezeichneten Form und der vollkommes nen Sprache, in welcher jene Geschichte verfaßt war, mit den beschränkten Ansichten, mit den nationalen Beschränkungen der alten Geschichte begnügt, so würde man den Geist dem Leibe geopfert, einen positiven Rückschritt zu dem damaligen Zustande des menschlichen Geistes gemacht haben. Die lange dauernde Arbeit des Mittelalters hatte etwas besseres vorbereitet. In der That, gerade in Mittelalter und namentlich im dreizehnten Fahrhundert gab es Männer, welche uns unauslöschliche Denkmäler hinterlassen haben, und welche die Geschichte vom höchsten und reinsten philosophisdien Standpunkte aus aufgefaßt haben würden, wäre nur das Material für sie bereit gewejen. Man denfe sich zum Beispiel eine Geschichte von dem erleuchteten Geiste des heiligen Thomas geschrieben, wenn ihm der Schatz modernen Wissens zu Gebote gestanden hätte. Es hatte aber erst die Erfindung der Buchdruckerkunst, einer der Wendepunkte des Menschengeschlechts, stattzufinden ; und dann entsproste jenem so lange bearbeiteten und mit so beharrlicher Mühe fruchtbar gemachten Boden des Mittelalters eine so ers staunliche Aerndte. Unter den ersten Früchten der gerade von Fenen, die Nugen daraus gezogen haben, so häufig unterchäşten Arbeiten und in jenem Lande, dessen Söhne ihre Ahnen verachten, finden wir die eigentliche Verbindung von Philosophie und Geschichte. Da endlich wird erkannt, daß der Historiker nicht blos die richtige, genaue, lebendige Erzählung von Thatjachen geben muß, sondern daß er auch Ursache und Wirkung zu zeigen hat. ,,Was erwarten wir nun von der Geschichte?" fragt Barante; und er antwortet: Sediegenen Unterricht; eine vollständige Kenntniß der Dinge; sittliche Bes lehrung; politische Rathschläge; Vergleichungen mit der Gegenwart; Kenntniß der allgemeinen Thatsachen." Selbst im Zeitalter des Tacitus, der unter det alten Historikern nod) die meiste Philosophie besaß, fonnte feine einzelne Fähigkeit alle diese Leistungen sichern. Was nun hatte sich in der Zwischen zeit ereignet? Das Christenthum war in das Leben getreten, das Christenthum war gebildet worden; die Menschheit war durch Feuer und Wasser gegangen eine Sündfluth und eine Passion; das Geheimniß ihrer Einheit und ihrer Bestimmung war ihr gegeben worden. Die Nation war nicht länger mehr die höchste der menschlichen Thatsachen, der. Batriotismus nicht länger mehr die erste der Tugenden. Eine auf's Neue gebildete Menschheit stand hoch über der Nation und fein einzelnes Mitglied der menschlichen Gesellschaft konnte mehr das ganze Interesse der Menschheit in Anspruch nehmen. Es gab eine Stimme in der Welt, die voller, mächtiger, durchdringender und universeller war, als der lette Ruf der alten Gejellschaft, der lautete: ,,Civis sum Romanus"und diese Stimme war: ,,Sum Christianus.“ Von der Zeit des großen Opfers an war es nicht mehr möglid), die Geschichte der zeitlichen Bestimmung der Menschheit von jener ihrer ewigen Bestimmung zu trennen; und als die Kraft jenes Opfers die Nationen gänzlich durchdrungen und erfüllt hatte, sehen wir, daß die Geschichte eine breitere Basis erheischt, daß sie ihren einseitigen und nationalen Charakter verloren hat, daß sie mit dem Wachsthum der Menschheit gewachsen und zu ihrer Vervollständigung eine vollkommene Verbindung mit der Philosophie verlangt.

Freilich wurden diese Resultate durch das Zusammenbrechen des römischen Reiches, wodurch die Kräfte der Gesellschaft in eine Art Chaos zurückgeschleudert wurden, lange in Zweifel gelassen. Gleich den in egyptischen Grüften entdeckten Samenförnern, lagen sie während hunderten von Fahren, ohne ihre Letenskraft zu verlieren, aber eben doch gleichsam begraben, im gesammten christlichen Geiste, bis die Stunde der Auferweckung kam. Die Welt des Denkens, worin wir leben , ist nun einmal durch das Christenthum gebildet. Das moderne

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