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Mordgeschoss, dess rauher Schlund des ew'gen Jovis Donner wiederhallt,,,Fahr wohl" zuruft. Neben der Anrede dient der poetischen Personification die andere Form, dass die Gegenstände als redende eingeführt werden und als eigne Personen sprechen. Diese Form ist häufig bei den Dichtern der griechischen Anthologie; im mythischen Sinne ist es gedacht, wenn bei Onestes Theben über seine Zerstörung klagt, oder bei Munatius Mycenä; aber auch Bäume und Pflanzen sprechen, die Gegend, die Monate, der Brief, das Buch, der Thurm und viele andere Gegenstände; namentlich ist diese Form in der Räthseldichtung der Alten sehr gebräuchlich; ein in epischer Breite ausgeführtes Beispiel ist, dass Edelstein und Perle bei Rückert ihre Geschichte erzählen, während von Tieck im Zerbino Tisch, Stuhl u. s. w. als dramatische Personen behandelt werden. 1)

Der Unterschied, welcher in der Personification der neuern Dichtung im Verhältniss zur antiken hervortritt, liegt in dem Wesen der Plasticität und des malerischen Individualismus. Nirgends tritt dieser Unterschied so stark hervor als bei Shakspere. Er ist mit Recht der malerische Individualist in der Poesie genannt worden; 2) er ist es auch in der Personification. Die neuere Zeit mit der grösseren Mannigfaltigkeit und Vertieftheit ihrer Lebensverhältnisse tritt auch in Shakspere's Personificationen hervor; wie seine Dramen polymythisch sind im Gegensatz zu der Monomythie in den antiken Dramen, so haben viele seiner Personificationen eine Fülle, eine individuelle Vertiefung und weite Ausführung, wie sie die Alten in ihrer einfachen Plasticität nicht kannten. Man vergleiche die Personification des Schlafes in Shakspere's Heinrich IV (II 3, 1) mit dem Schlummerliede des Chors im

1) Onestes 6. 7 (Jac. Anth. 3 p. 4). Anton. Arg. (Jac. Anth. 2 p. 223), Munatius (ib. p. 224). Johann. Barb. 8. 9. 10 (Jac. Anth. 3. p. 234). Julian. Aeg. 37 (Jac. Anth. 3 p. 203), Zelotus 1 (Jac. A. 3 p. 108), Problem. arith. 14 (Jac. A. 3 p. 184), Menses Rom. (Jac. A. 3 p. 219); Ovid. Tr. 3, 1, 1 2. 5, 4, 1-4. Agathias 34, 1. Epigr. inc. 373. 12 (Jac. Anth. 4 p. 196). Aenigmata (Jac. 4 p. 286 fg.).

Wir verweisen auch

2) Von Fr. Vischer, Aesthetik 3 p. 1235. auf den Abschnitt des grossartigen Werkes über die Personification 3 p. 1220.

Sophokleischen Philoktet (827-832), oder die Anrede des Herolds in des Aeschylus Agamemnon mit der Begrüssung des Vaterlandes durch den heimkehrenden König Richard II, und man wird den Unterschied des plastischen und individualisirenden Stils auch in der Personification erkennen. Derselbe lässt sich bis in die grössten Einzelnheiten verfolgen. plastische Personification, wenn Aeschylus die Höhen die Nachbarn der Sterne nennt, individueller empfunden, wenn Shakspere von Hügeln spricht, die den Himmel küssen; es ist plastisch, wenn Aeschylus sagt, dass Feuer und Meer, sonst Feinde, sich verschwuren und sich Treue bewiesen, indem sie das unglückliche Heer der Argiver vernichteten; es ist individuell, wenn Shakspere Meer und Wind alte Zänker (Raufbolde) nennt, die augenblicklich einen Waffenstillstand machen.1) Wenn derselbe Dichter den Wind einen Buhler, die Luft einen ungebundenen Wüstling, das Gelächter einen Gecken, den Eigennutz einen Herrn mit glattem Angesicht nennt, wenn er von der Zeit sagt, sie trägt einen Ranzen auf dem Rücken, worein sie Brocken wirft für das Vergessen; wenn er die Zeit mit modern individueller Anschauung den alten Glöckner, den kahlen Küster nennt, so sind das Personificationen, welche sich bei den Alten nicht finden und nicht finden können.

1) Aesch. Prom. 746, dotooyeítovas zoovqás, Shaksp. Hamlet 3, 4 (Del. p. 101), heaven-kissing hill. Vgl. Lucrece 196 (Del. p. 94), wo von einem Gemälde die Rede ist, auf welchem dargestellt wird the power of Greece, for Helen's rape the city to destroy, threatening cloud - kissing Ilion with annoy; which the conceited painter drew so proud, as heaven, it seem'd, to kiss the turrets bow'd. Aesch. Ag. 632, zvráuooav yáo, ὄντες ἔχθιστοι τὸ πρὶν, πῦρ καὶ θάλασσα, καὶ τὰ πίστ ̓ ἐδειξάτην, φθείροντε τὸν δύστηνον Αργείων στρατόν, Shaksp. Troil. 2, 2 (Del p. 45), the seas and winds (old wranglers) took a truce.

1. Κάρα, κάρηνον, κεφαλή, caput, head.

1. Nach der schönen mythologischen Darstellung Ovids birgt der Sonnengott sein Haupt im Ocean, erhebt die Nacht ihr Sternenhaupt, vergl. Met. 15, 30. 31: Candidus oceano nitidum caput abdiderat Sol et caput extulerat densissima sidereum Nox. Ohne Mythologie mit Anlehnung an die Alten, aber in freier Personification spricht Shakspere vom Haupte der Sonne in Sonn. 7: lo, in the orient when the gracious light lifts up his burning head, each under eye doth homage to his new - appearing sight. Vergl. Rom. 5, 3 (Del. p. 124): A glooming peace this morning with it brings, the sun for sorrow will not show his head. Ein Haupt wird von den Dichtern den Bergen zugeschrieben z. B. dem Atlas in einer ausgeführten Personification von Virgil. Aen. 4, 247: Atlantis, cinctum assidue cui nubibus atris piniferum caput et vento pulsatur et imbri, vgl. Avien. perieg. 484 surgit caput Apenninus. Hes. theog. 118. 794 κάρη νιφόεντος Ὀλύμπου; Hom. I. 20, 5 κρατὸς ἀπ' Ουλύμποιο πολυπτуον, doch ging die personificirende Kraft dieser Wörter, wie auch in κάρηνον (Ουλύμποιο κάρηνα, Μυκάλης αἰπεινὰ κάρηνα Π. 2, 869, Κωρίκου ἄκρα κάρηνα, Hymn. in Ap. 1, 39) frühzeitig verloren und in die Bedeutung von „Gipfel" über; beiläufig erwähnen wir Composita: Probl. arithm. 15, 7 (Jac. Anth. 3 p. 185) Ahπios vyrnagývov, Pind. Parthen. 9, 4 (Dissen) τρικάρανον Πτώου κευθμώνα, Ovid. Met. 2, 221 Parnassusque biceps. Vgl. Hölderlin 1 p. 109: wo sein einsames Haupt in Wolken der heilige Berg hüllt; p. 99: Fröhlich baden im Strom den Fuss die glühenden Berge, Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt; p. 99: Fernhin schlich das hag're Gebirg, wie ein wandelnd Gerippe,

Hense, Poet, Pers.

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hohl und einsam und kahl blickt aus der Höhe sein Haupt. Vom Felsen Shaksp. Lear 4, 1 (Del. p. 98): there is a cliff, whose high and bending head looks fearfully in the confined deep. Flüssen wird häufig ein Haupt zugeschrieben, im mythischen Sinne sagt Ovid. Met. 5, 487 von der Nymphe Arethusa: tum caput Eleis Alpheïas extulit undis Vom Nil sagt rorantesque comas a fronte removit ad aures. Tibull. 1, 7, 23: Nile pater, quanam possum te dicere causa aut quibus in terris occuluisse caput? und Ovid. Met. 2, 254: Nilus in extremum fugit perterritus orbem occuluitque caput. Sehr schön spricht Shakspere Henry IV. P. I, 1, 3. (Del. p. 28) vom Flusse Severn: who, affrighted with their bloody looks, ran fearfully among the trembling reeds and hid his crisp head in the hollow bank. In stärkster Individualisirung sagt Shaksp. von den Winden, dass sie beim Scheitel die tollen Wogen packen, ihnen das ungeheure Haupt krausen: Henry IV. P. II, 3, 1 (Del. p. 59): take the ruffian billows by the top curbing their monstrous heads. Dieselbe Anschauung K. Henry VIII, 3, 1 (Del. p. 68) even the billows of the sea hung their heads. Vergl. Merchant of Ven. 2, 7 (Del. p. 46) the watry kingdom, whose ambitious head spits in the face of heaven.

Eine schöne Personification gewinnt durch zápa die Stadt Theben. ,,Im Wogenaufruhr schwankt die Stadt," sagt der Priester zu Oedipus, „, und kann ihr Haupt nicht mehr erheben aus der finstern Todesfluth"; Soph. Oed. T. 22: πόλις γάρ, ὡςπερ καὐτὸς εἰςορᾷς, ἄγαν ἤδη σαλεύει κανακουφίσαι κάρα βυθῶν ἔτ ̓ οὐχ οἵα τε φοινίου σάλου. Vergl. Hom. Π. 2, 117 ὃς δὴ πολλάων πολίων κατέλυσε κάρηνα. Von lateinischen Dichtern wird caput gern von Rom gebraucht; verbunden mit vertex und videre von Ovid. Fast. 1, 209: at postquam Fortuna loci caput extulit huius et tetigit summos vertice Roma deos; Fast. 4, 256: post ut Roma potens opibus iam saecula quinque vidit et edomito sustulit orbe caput. Vergl. Ovid. Amor. 1, 15, 26. Das Emporragen des Hauptes (Roms) bezeichnet Virgil durch einen Vergleich Ecl. 1, 24: verum haec tantum alias inter caput extulit urbes, quantum lenta solent inter viburna cupressi. Propert. 3, 11, 25: iussit

et imperio surgere Bactra caput. Schön sagt Hölderlin, Werke I, p. 97: Denn mit heiligem Laub umkränzt erhebet die Stadt schon, die gepriesene, dort, leuchtend ihr priesterlich Haupt. Ibid. p. 104 von Delos: Rings von Strahlen umblüht erhebt zur Stunde des Aufgangs Delos ihr begeistertes Haupt.

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2. Κάρηνον, κάρα werden auf Bäume und Pflanzen angewandt; doues vчizάonvoi Hom. Il. 12, 132, hymn. in Ven. 265; τοὐκείνης (αἰγείρου) κάρα Soph. fr. 24 (Dind.); zu vergleichen ist auch Hom. Od. 11, 588 δένδρεα δ' ὑψιπέτηλα κατάκρηθεν χέε καρπόν. Shaksp. Rich. II 3, 4 (Del. p. 72) go thou and like an executioner, cut off the heads of too fast growing sprays, that look too lofty in our common wealth. Von Pflanzen ist der Mohn zu erwähnen bei Homer Il. 8, 306: μήκων δ ̓ ὡς ἑτέρωσε κάρη βάλεν, ἥτ ̓ ἐνὶ κήπῳ καρπῷ βριθομένη νοτίησί τε εἰαρινῇσιν, ὡς ἑτέρωσ ̓ ἤμυσε κάρη Týλyu Bagvvdév. Hiermit vgl. Ovid. Met. 10, 190 ut si quis violas riguoque papavera in horto liliaque infringat fulvis haerentia virgis, marcida demittant subito caput illa gravatum nec se sustineant spectentque cacumine terram, sic Virg. Aen. 9, 436 lassove papavera collo demisere caput. In Hymn. in Cer. 12 тov naì άnd ῥίζης ἑκατόν γε κάρην ̓ ἐπεφύκει ging die Personification wohl verloren. Höchst anmuthig ist Shaksp. Cymbel. 4, 2 (Del. p. 96) they are as gentle as zephyrs blowing below the violet, not wagging his sweet head. Tieck, Sternbald p. 135: da sterben sie alle am süssen Verlangen (die Blumen), dass sie mit welken Häuptern stehn. Geibel, Gedichte p. 244: Die Halm und Blumen neigen das Haupt im Mondenschein.

voltus moriens iacet.

3. Theilen des menschlichen Körpers wird wieder besonders ein Haupt zugeschrieben, so bei Paul. Silent. 8, 3 (Jac. Anth. 4, 43): μῆλα καρηβαρέοντα κορύμβοις. Jac. Anth. 11, p. 129: zógvußor hoc loco sunt papillae in mammis; mammae autem zagnẞagέovoa, quasi capitibus gravatis (cf. Macedon. Ep. 26), quae paulo flaccidiores pendent.

4. Zeitverhältnisse erhalten ein Haupt, von Hor. epod. 2, 16 der Herbst: vel cum decorum mitibus pomis caput

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