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Die Goethe'sche Textkritik und Herr Adolf Schöll.

Meine nicht unterzeichnete Anzeige des Schriftchens Ueber Kritik und Geschichte des Goethe'schen Textes“ von Michael Bernays in der „Allgemeinen Augsburger Zeitung“ hat den Weimarischen Geh. Hofrath Herrn Adolf Schöll 80 unglücklich berührt, dass er nicht unterlassen konnte, in den „Grenzboten“ Nro. 16, S. 106 ff. die ganze Schale bittersten Grimmes und ärgster Verleumdung über mein armes Haupt auszugiessen. Da nun kein Mensch verpflichtet ist, sich mit Knütteln geduldig todtschlagen zu lassen, wären es auch die eines Weimarer Geheimen Hofrathes, und es immer ein gutes Werk ist, den unverzeihlichen Leichtsinn, der sich nicht scheut, die ernste Miene sittlicher Rüge anzunehmen, und seine ganze Blösse aufzuzeigen, handelte es sich auch nicht, wie es hier der Fall ist, um eine nicht unbedeutende Sache, so muss ich wohl auf diesen bitterbösen Angriff näher eingehen, wozu dieses ,, Archiv“ um mehr der rechte Ort sein dürfte, als dasselbe vor dem Schicksale gewöhnlicher Zeitblätter durch den dauernden Werth so vieler seiner Mittheilungen gesichert ist.

Unter den allgemeinen groben Unwahrheiten, welche Schöll mir ins Gesicht schleudert, heben wir zunächst die folgende Aeusserung hervor: „Noch nie hat sich irgend jemand ein Verdienst um die Goetheliteratur erworben, dem es nicht eine entstellende und herabsetzende Recension von Herrn Düntzer eingetragen hätte, noch nie ein Kundiger etwas vorgebracht, dessen Richtigkeit unverträglich ist mit der Düntzer’schen Misshandlung Goethe's, ohne dass Düntzer sich beeilt hätte, ihm öffentlich Unkunde und Unterschätzung der vorhandenen Leistungen anzudichten. So entschieden geberdet er sich seit einem Men

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schenalter als der alleinige Grossherr und Oberrichter von allem, was Goethe betrifft, dass er in seiner voluminösen Hermeneutik selbst mit einem wahren Talent des Missverstandes auf das unumwundenste und plumpste tadelt.“ Eine gewissenlosere Verdrehung der Wahrheit ist undenkbar Herr Schöll wird sich selbst doch wohl zu denjenigen rechnen, die sich ein Verdienst um die Goetheliteratur erworben.“ Wo aber hätte ich je eines seiner Bücher mit einer „Recension“ behelligt? Ich habe seine Schriften und eine grosse Anzahl anderer nie beurtheilt; die Zahl der von mir wirklich beurtheilten Bücher der Goetheliteratur ist eine verschwindend kleine, und wo ich Widerspruch erheben musste, da ist es immer mit wohlerwogenen Gründen und in geziemendem Tone geschehen, der nur da geschärft wurde, wo es die Ehre und das Recht des Dichters galt. Wie viel Verworrenes und Unreifes auch gerade diese Literatur zu Tage gefördert, weiss der am besten, der sich mit ihr genauer zu befassen veranlasst ist. Gegen unbesonnene Ansichten das Rechte vertheidigen, kann nur eitle Verblendung und Gehässigkeit Rechthaberei heissen. Wenn ich in meinen Schriften genöthigt war, solche Ansichten zurückzuweisen, so kann mir dieses nur derjenige zum Vorwurf machen, der mir eben etwas anhaben will, und äussere ich mich hier zuweilen scharf, so ist diese Schärfe durch die Leichtfertigkeit mancher Literaten gerechtfertigt, die mir bei dem redlichen Eifer und der rastlosen Mühe, deren ich mir bei meinen Arbeiten bewusst bin, um so gewissenloser scheinen muss. Somit kann ich jenes mein „Grossherrnthum“ nur als eine der Phrasen des phrasenreichen Herrn Schóll zurückweisen, die nur zugleich das Ueble hat, dass sie eine arge Verleumdung, wie das „Menschenalter“ eine starke Verrechnung enthält, da mein nachhaltiges Auftreten in der Goetheliteratur nur die Zeit von zwanzig Jahren umfasst. Jener ganze Vorwurf des Herrn Schöll zerplatzt demnach als blosse Windfechterei in der Luft.

Wie habe ich mich aber persönlich gegen Herrn Schöll gestellt, der mir vorwirft, dass ich unausgesetzt mit „Invectiven“ ihn verfolge? Ueber seine Herausgabe der „Briefe und Aufsätze von Goethe“ (1846) und der „Briefe von Goethe an Frau von Stein“ habe ich mich nur anerkennend geäussert. In Bezug auf

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letztere heisst es in meinen „Freundesbildern“ S. XII: „Möge die musterhafte Genauigkeit Schöll's künftigen Herausgebern von Briefen zum Beispiel dienen! Mag derselbe auch manchnial, besonders in den spätern Jahren, zu viele, zum Gegenstande weniger gehörende Angaben beigebracht haben, manchmal in der Zeitbestimmung irre gegangen sein, so hat er doch bei der Herausgabe der so oft undatirten Briefe an Frau von Stein ein grosses und schwieriges Werk mit ausgezeichneter Einsicht und grossen Scharfsinn vollendet.“ Wie stimmt dies Urtheil zu dem Bilde von mir, das Herr Schöll seinen Lesern vorgaukelt! Aber der Herr Geh. Hofrath gehört zu den Leuten, die keinen Widerspruch leiden, und konnte er mir diesem Lobe zum Trotz meine begründeten Einsprüche nicht verzeihen. Zum Danke für jenes Lob griff er mich in den „Blättern für literarische Unterhaltung“ mit mehr Eifer als Besonnenheit an; ich hatte aber Ruhe genug, auf eine solche studentenhafte Forderung nicht einzugehen. Auch später urtheilte Herr Schöll nicht günstig über meine Arbeiten, wie sich aus seiner Anzeige meiner Ausgabe der „Briefe von Frau von Schiller an einen vertrauten Freund“ ergibt, die das „Weimarer Sonntagsblatt“ brachte. Ich war ihm nicht fein genug, er vermisste Geschmack und wer weiss was alles für Gaben, deren er sich so sehr erfreut. Ich habe diesen vornehmen Tadel ganz auf sich beruhen lassen und erst nach manchen Jahren in der Vorrede zu dem Werke „Goethe und Karl August I.“ S. IV. mir mein Recht verschafft. „Ich kann ihm nicht helfen,“ heisst es hier von Schöll, „auch jetzt wieder muss ich ihm eine grosse Anzahl von Verschiebungen von Briefen und andern zum Theil wunderlichen Versehen nachweisen, und hierbei zugleich auf die höchst zweifelhafte Stellung vieler dieser Billette hinweisen. Ich verhehle mir nicht, dass ich dadurch Gefahr laufe, den Zorn des Herrn Schöll von neuem hervorzurufen, der 80 leicht in bittere Gährung geräth, wie neuerdings auch die gepriesenen Meister der Alterthumswissenschaft Böckh und Welcker erfahren mussten, die freilich solchem übermüthigen Gebaren ruhig zuschauen dürfen. Ich habe mich der Wahrheit verpflichtet, und muss dieser auch hier die Ehre geben, überzeugt, dass diese immer stärker als Herr Schöll bleiht,“ Eben dort musste ich bemerken, dass er bei seinem

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„Karl-August-Büchlein“ meine Berichtigungen und Vervollständigung der Briefe des Grossherzogs an Knebel nicht gekannt und deshalb diese unrichtig und ungenau gegeben. Ich verkannte aber Schöll's Verdienst und Geschick so wenig, dass ich auch öffentlich dies mehrfach aussprach und z. B. dem Bedauern Ausdruck gab, dass der Briefwechsel Goethe's mit Karl August nicht ihm zur Herausgabe anvertraut worden, wie ich auch den Wunsch äusserte (Karl August II. S. VI. f.), er möge aus den Fourierbüchern alles für die Geschichte des IIofes und unserer Literatur Wichtige zur Mittheilung bringen. So verhält es sich mit meinen „Invectiven“ gegen Herrn Adolf Schöll, dessen „Milch der frommen Denkart“ ich ihm „in gährend Drachengift verwandelt“ habe. Als Handlanger hätte er mir gern eine Stelle gelassen, nur müsste ich nicht seine Blüssen 80 rücksichtslos im Dienste der Wahrheit aufdecken und mir kein Urtheil anmassen, wodurch ich ihm seine Kreise trübte. Ich bin aber leider so weit entfernt, seine Unfehlbarkeit in ästhetischer Beurtheilung und sein besonderes Glück im Combiniren anzuerkennen, als ich seine Gedichte für geistreich und geschmackvoll halten kann, da ich aus seinen philologischen Arbeiten auf dem Gebiete griechischer Literatur weiss, wie oft die Phantasterei bei ihm den Sieg über die Besonnenheit davonträgt, wovon seine Bücher über Sophokles' Leben und die attischen Tetralogien die leidigsten Zeugnisse sind. Herr Schöll hat auch dem guten Joachim Meyer sein Leben getrübt, wie ich von diesem trefflichen Manne weiss, mir soll er es nicht! Er ist auch jetzt gütig genug, meinen „verdienstlichen Fleiss in Erwerbung und Zusammenstellung des aktenmässigen Materials für Goethe's Leben und Wirken anzuerkennen, nur

, „müsse er gestehn (wie hart dies dem biedern Hofrath fallen muss!), dass mein Gebrauch des erworbenen aktenmässigen Materials oft willkürlich und die Angabe des Aktenmässigen unzuverlässig sei.“ Und diesen schnöden Vorwurf, welcher meinen zahlreichen Mittheilungen allen Glauben entzieht, womit beweist Herr Schöll diesen? Nur mit einem „heitern“ Falle, der aber die allerleichtfertigste Verleumdung ist, womit man je den Ruf eines ehrlichen Mannes untergraben zu können geglaubt hat, eine Verleumdung, zu welcher nur

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