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darum handelte, dass er meine wirkliche Entdeckung verschwiegen!), vergibt ihm Herr Düntzer mit der Beschuldigung des Verdienstes, der Vorarbeit nicht gedacht zu haben. Düntzer nannte dort die erste Sammlung „die mit Sorgfalt bearbeitete und durchgesehene Ausgabe in acht Bänden, welchen Unterricht Bernays dahin abschliesst, dass er sie grösstentheils aus den fehlerhaften Hamburgischen Nachdrucken geflossen unwidersprechlich darthut.“ Herr Schöll übergeht, dass ich diese Ausgabe so nenne im Gegensatze zur vierbändigen, dass ich ausdrücklich hervorhebe, dass sie „an manchen Ungleichheiten und mehr oder minder erheblichen Druckfehlern leiden.“ Wenn Bernays nachweist, dass diese Druckfehler bei den Jugendwerken meist aus den zu Grunde gelegten Nachdrucken geflossen, so wird dadurch eben die Frage nach der Grundlage unseres in der Ausgabe letzter Hand überlieferten Textes abgeschlossen, nicht die von mir gewonnenen Ergebnisse widerlegt. Es ist wohl kaum in der Geschichte der Wissenschaften der absonderliche Fall vorgekommen, dass man einem eine Entdeckung als eine Sünde angerechnet, so dass man ihre Verschweigung als Höflichkeit betrachtet, weil ein Späterer durch eine weitere Entdeckung sic vervollkommnet hat. Doch was wäre Herrn Schöll’s Verbissenheit unmöglich!

Meine Bemerkung, jene Entdeckung, die ich im angeführten Aufsatze dargelegt, hätte nicht unerwähnt bleiben sollen, wird als ein unbefugtes Verlangen von Dank abgefertigt, und mir selbst dagegen Undank vorgeworfen. ,,Herr Düntzer hat eine Anzahl kritischer Data (in jenem Aufsatze) angeführt, die ihm erst der Recensent der Düntzer'schen Ausgabe im „Literarischen Centralblatt“ aufgewiesen hat, ohne jedoch diesen Recensenten zu nennen, geschweige ihm zu danken, vielmehr hatte Herr Düntzer fünf Jahre vorher in seiner Defension (!) „über die neue Octavausgabe in Goethe's Werken“ diesen seinen Zurechtweiser urtheilslos, verleumderisch und dessen Correcturen abgeschmackte Schlimmbesserungen genannt, trotzdem dass er mit demselben Athem die Richtigkeit der von ihm „aufgestochenen“ Druckfehler anerkennen und in Folge dessen seiner Ausgabe mit vielen Cartons nachhelfen musste.“ Auch hier sind gröbste Unwahrheit und Entstellung die geheimräthlichen Waffen!

fasser genannt

Es ist nicht wahr, dass mir jener Recensent „kritische Data“ geboten; die von mir gegebenen sind aus einer mir vorliegenden viel grösseren Sammlung, die ich eigenhändig aus Goethe's Werken ausgezogen, herausgegriffen, und wenn hier eine oder die andere Stelle sich finden sollte, deren auch jener Recensent gedacht hat, so ist dies Zufall oder sie sind absichtlich gewählt, um den Behauptungen jenes Recensenten entgegenzutreten, wie bei der Lesart abgeweihet, deren Vertheidigung Herr Schöll sich zur Ehre rechnen würde, wenn sie ihm angehörte. Dass jener Recensent hämisch und urtheilslos sei, habe ich nicht allein behauptet, sondern durch zahlreiche Beispiele bewiesen der einem solchen Treiben einzig gebührende Dank. Die Gehässigkeit jenes Mannes – ein Dresdener wurde mir als Ver

ging so weit, dass er meine Versicherung, mit dem vierten Bande beginne mein Antheil an jener Ausgabe, obgleich sie in einer von der Cotta'schen Buchhandlung eingeleiteten und genehmigten Schrift sich findet, für eine Unwahrheit zu erklären sich erfrechte. Ganz derselben böswilligen Gehässigkeit macht sich hier Schöll schuldig, wenn er jene Ausgabe für meine Ausgabe erklärt und mir die Druckfehler derselben auf bürdet, welche die Cotta'sche Buchhandlung durch Cartons weggeschafft oder doch zur Anzeige gebracht hat. Meine ausdrückliche Erklärung in dem von ihm angezogenen Schriftchen, dass ich von der Buchhandlung nur den Auftrag erhalten, die Ausgabe in vierzig Bänden mit der von Goethe selbst zuletzt besorgten zu vergleichen, aber mich darauf nicht beschränkt, sondern auch eine Masse älterer Druckfehler durch das Zurückgehen auf die ältesten Drucke entfernt und für gleichmässige Rechtschreibung und eine richtige Satzzeichnung viel Sorgfalt verwandt, dass ich aber keinen Einfluss auf den Druck gehabt und auch die Cartons mir erst nach dem Abdrucke zugekommen - das hat Schöll absichtlich übergangen. Ich habe mich nie als Herausgeber jener Ausgabe dargestellt, sondern nur einen beschränkten von mir darauf geübten Einfluss zugestanden, sie selbst nur als einen grossen Schritt zu einer des Dichters völlig würdigen erklärt, die in so kurzer Zeit, wie die mir zugemessene war, nicht habe geleistet werden können. Das war noch weniger bei der in 30 Bänden 1857 erschienenen Ausgabe der Fall, deren Druck bogen aber von mir durchgesehen worden. So weise ich denn jene Aeusserungen Schöll’s als eine seiner vielen böswilligen Entstellungen zurück. Mit jenen Druckfehlern habe ich nichts zu schaffen, und ich habe aus dem Vollen geschöpft, so dass ich jenem Recensenten nichts zu entnehmen brauchte.

Wenn nun Schöll nach der sophistischen Wendung: „Düntzer’s Dankforderung (?) ist ganz so völlig ungerechtfertigt, als es Herrn Düntzer's Undank gegen jenen Recensenten war,“ zu der Behauptung sich versteht: „Düntzer's Aufsatz gibt keinen beweisenden und begrenzenden Unterricht über die Filiation der Textverderbnisse, so dass eine Consequenz für die Textherstellung gezogen würde; im Gegentheil, er verficht den Widerspruch gegen diese Consequenz als kritische Massregel,“ so ist dies wieder ein Streich ins Blaue. Das Verhältniss der einzelnen Ausgaben zu einander habe ich scharf bezeichnet, Herr Bernays hat dafür nicht das Geringste mehr gethan, nur bei der dritten Ausgabe der Werke hat er sich ein Bild des Correctors gemacht, das mir sehr verzeichnet scheint, da er diesem manches als Verbesserung zuschiebt, was in der Nachlässigkeit des Setzers seinen ersten Grund hat. Schöll aber geht in seiner Unbesonnenheit so weit, dass er die Behauptung aufstellt, Goethe habe selbst in den späteren Ausgaben nichts verändert, da es „notorisch sei, dass er die durchgehende und definitive Revision Freunden anvertraut habe.“ So etwas konnte nur der zu behaupten wagen, der in der Geschichte des Goethe'schen Textes ganz unerfahren ist. Freilich beruft er sich auf Goethe's Aeusserung in der Ankündigung letzter Hand, man werde in dieser wenig geändert finden, da er, wie aus Vergleichung aller bisherigen Ausgaben zu ersehen wäre, an seinen Productionen von jeher wenig zu ändern geneigt gewesen, weil ihm das, was zuerst gelungen, in der Folge zu bessern niemals gelingen wolle. Schöll, der nach Art pfiffiger Sach walter aus dieser Stelle nur das anführt, was für ihn zu sprechen scheint, übersieht völlig, dass es sich hier von bedeutendern Umänderungen, nicht von einzelnen stilistischen Verbesserungen handelt. Dass in den spätern Ausgaben fast bei allen einzelnen Werken Aenderungen sich finden, die unmöglich ohne Wissen und Gene!,

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migung des Dichters gemacht sein können, steht für jeden fest, der etwas vom Goethe'schen Texte weiss. Wenn die Ausgabe letzter Hand in der „Iphigenie“ statt ,,Des Oenomaus Tochter, Hippodamien“ liest „Oenomaus Erzeugte, Hippodamien,“ wer wird es glauben, dass Goethe von dieser Aenderung nichts gewusst? Die zweite Ausgabe der Werke liest im Faust in den Worten „Ist wie ein Thier auf einer Heide“ statt einer das bezeichnende dürrer; in der dritten ebendaselbst ,,Als stünden grau leibhaftig vor euch da“ statt „Als stünd leibhaftig vor euch da.“ Im „Tasso“ hat die dritte Ausgabe „Allein so sehr bist du’s“ statt „Allein du bist's so sehr;“ „Und ehe nun Verzweiflung“ statt „Und eh nun die Verzweiflung.“ Dass Wilhelm Meisters Lehrjahre für die zweite Ausgabe der Werke sorgfältig durchgesehen worden und manche kleine stilistische Aenderungen erfahren, und an den Mitschuldigen geändert worden, gibt auch Bernays zu, aber mehr oder weniger gilt dies von allen Werken, so z. B. auch von Götz und Egmont. Dieses und vieles andere weiss Schöll nicht, er weiss nicht, dass die Freunde, denen Goethe die Durchsicht seiner Werke übergab, in zweifelhaften Fällen diesen zu Rathe zogen, dass Goethe bei der zweiten Ausgabe seine Sachen wieder allein oder mit diesen durchging, sondern behauptet keck in die Welt hinein, Goethe selbst habe später nichts geändert. Meiner einzig sachgemässen Bestimmung, dass die Ausgabe letzter Hand die nothwendige Grundlage bei der Gestaltung des Textes bilden müsse, setzt Schöll entgegen: „Diese Norm verbietet geradezu der Filiation der Textverderbnisse methodisch nachzuspüren, indem sie den Text der letzten Ausgabe, die der Dichter veranstaltet, für den wesentlich authentischen erklärt,“ und er hat die Keckheit zu behaupten: „Düntzers Fiction der spätern Aenderungen Goethe's ist nichts als die Costümirung seiner eigenen kritischen Nachlässigkeit und Willkür.“ Die von Schöll mir zugeschriebene „Fiction“ ist eine plu mpe Unwahrheit, und um meinen Grundsatz anfechten zu können, verschweigt er die bedeutenden Einschränkungen desselben, verschweigt, dass ich bestimmt die Fälle angegeben, worin eine Abweichung von der Lesart der Ausgabe letzter Hand gestattet sei. Die ärgste Verdrehung des thatsächlich Vorliegenden ge

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stattet sich unser Gegner in der Versicherung: „Das ist das Eigene der Düntzer'schen Kritik, dass sie als ganz individuell keinen Zusammenhang mit der äusseren hat,“ wogegen das Verdienst von Bernays „die methodische Verknüpfung der äussern Kritik mit der innern“ verkündet wird. Der gegen mich geschleuderte Vorwurf ist geradezu sinnlos. Bernays geht durchaus keinen andern Weg als ich, und er kann keinen andern gehn. Von der diplomatischen Grundlage hat jede Kritik auszugehn und zu diesem Zwecke muss die Gewähr jeder Ausgabe bestimmt werden, wie ich es zu thun versucht habe. Jede Abweichung von der Ausgabe letzter Hand muss begründet werden, was nicht allein durch diplomatische Kritik, sondern auch durch sachliche Gründe geschehen kann, die im Sprachgebrauche des Dichters und im Sinne und Zusammenhange der ganzen Stelle beruhen können. Gerade auch in letzterer Beziehung glaube ich durch genaueste Kenntniss des Dichters und ein in vielfacher Uebung gebildetes lebendiges Eindringen in Sinn und Geist sprachlicher, insonderheit dichterischer Darstellung den Beruf eines Kritikers seiner Werke in Anspruch nehmen zu dürfen, und dafür schon Bedeutendes geleistet zu haben. Schöll's Schmähungen von Plumpheit und Missverstand sind eben nur Schmähungen, deren Quelle offenbar zu Tage liegt. Mir gegenüber billigt Herr Schöll natürlich „alle einzelnen kritischen Unterscheidungen“ von Bernays ohne Ausnahme, und verkündet, dass „ausgezeichnete Kenner des Goethetextes und anerkannte Meister klassischer Philologie sie technisch genau, wohl überlegt und unumstösslich gefunden.“ Jene klassischen Philologen verbürgen noch nicht die zur Entscheidung durchaus nöthige Kenntniss des Goethetextes, und dass nicht alle bewährte Goethekenner unbedingte Bewunderer der Kritik von Bernays sind und in allem und jedem ihm beistimmen, weiss ich wohl. Ich habe in meiner Beurtheilung meinen Widerspruch bei einzelnen Fällen erhoben. Der ausgesprochenen Verdächtigung Schöll's gegenüber will ich diese hier zu erhärten versuchen. Möge dann vorurtheilslose Prüfung entscheiden, auf welcher Seite das Recht, ruhige Besonnenheit und kritische Schärfe sich finden. Für unfehlbar halte ich mich nicht, aber auf besonnene

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