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ohne jedoch dem eigenen Nationalgeiste Eintrag zu thun; nur gegen das Ende dieser Periode begann der Hofton, namentlich bei lyrischen Poesien seinen Einfluss zu üben; man gefiel sich in Spielen des Witzes und Verstandes mit denen man zu glänzen suchte, aber diese Bemühungen arteten nicht selten in Schwulst und Vebertreibung aus.

III. Die Periode des Einflusses der puritanischen Denkweise und ihrer Gegensätze (1647-1689). Eine neue Aera für die Dichtkunst gestaltete sich nun nach kurzer Pause während der bürgerlichen Unruhen und des darauf folgenden Protectorates, worauf sich nach der Restauration bis zur Revolution eigenthümliche Gegensätze offenbarten. Während der Herrschaft der Independenten entwickelte sich eine neue Lebens- und Weltanschauung, die dem Nationalgeiste eine bei Weitem ernstere und tiefere Richtung gab und selbst ihre Wirkung auf die Dichter, welche zur royalistischen Partei gehörten, nicht verfehlte. Religiöser Enthusiasmus, sittliche Strenge, Streben nach grösster Correctheit und Glanz der Diction sind als die Leitsterne dieser Epoche zu betrachten, welche Dichter wie Waller (S. 86), unbedingt der geschmackvollste unter seinen Zeitgenossen, Cowley, der die Ode mit reicher Phantasie und tiefem Geiste behandelte und eigentlich diese Gattung einführte (S. S. 101), Denham, der der erste elegante descriptive Dichter unter den Engländern mit Recht gerühmt wird, (S. S. 100) Samuel Butler (S. 96) dessen satyrisches Epos Audibras unerreicht geblieben ist u. A. m. aufzuweisen hat. Unter diesen überstrahlt jedoch Alle, als ein Stern erster Grösse der genialste epische Dichter der Engländer, John Milton (Vgl. S. 89 d. S.), dessen grossartiges Heldengedicht, das verlorene Paradies zu den tiefsten und eigenthümlichsten Erzeugnissen, welche je der menschliche Geist an das Licht brachte gerechnet werden muss. Mit der Restauration drang der französische Geschmack, welcher von dem Hofe sehr begünstigt wurde, in England ein und bereitete die folgende Periode vor, welche am Besten characterisirt wird als

IV. Die Periode der Herrschaft des Verstandes in der eng lischen Poesie (1689–1800). Mit dem Schlusse des siebenzehnten Jahrhunderls begann die Dichtkunst eine neue Wendung in England zu nehmen; die strengste Correctheit in Sprache und Form, neben möglichster Eleganz des äusseren Schmuckes ward das leitende Princip, wobei der Verstand die Oberhand behielt und Phantasie und Gemüth sich nothwendig unterordnen mussten.

Zwei Dichter waren es vorzüglich, welche den Uebergang bildeten, Davenant, der am Hofe Karl's II. die Oper einführte und die Bühne mit correcten Dramen versorgte, bei denen Prunk und Decorationen die Hauptsache waren (S. S. 85 d. S.) und der talentvolle, methodische aber oft zu geleckte Dryden (S. S. 109) der sich in fast allen Gattungen versuchte und an die Spitze der neuen Dichterschule trat. Ihm folgten viele begabte Männer nach auf der eingeschlagenen Bahn wie z. B. Pomfret (S. 120), Philips (S. 131), Parnell (S. 133) u. A. m., doch litt das eigentliche Wesen der Poesie darunter, indem einerseits die Künstlichkeit nach welcher gestrebt wurde sich mehr an die Oberfläche hielt, andererseits der practische Sinn der Engländer zu sehr hervortrat und die Neigung für satyrische, descriptive und didactische Poesie so die Oberhand gewann, dass die anderen Gattungen immer mehr in den Hintergrund geschoben wurden. Diese Correctheit erreichte ihre höchste Stufe in der nächstfolgenden Zeit, die von den Literarhistorikern gewöhnlich mit dem Namen das Pope'sche Zeitalter bezeichnet wird, indem sich nur Scharfsinn, geistige Feinheit und wahrer Geschmack zu derselben gesellten. Fast alle Gattungen wurden mit Erfolg behandelt, doch herrschten die eben erwähnten vor, weil ihnen die allgemeinere Neigung zugewandt blieb, und Namen wie Prior (S. 118) einer der glücklichsten Liederdichter, Gay (S. 145) unerreicht in seinen Fabeln, Tickell (S. 139) ausgezeichnet durch Balladen, Somerville (S. 147) berühmt durch sein beschreibendes Gedicht, die Jagd, Pope (S. 142) der Leitstern dieser Epoche, Thomson (S. 153) der gefeierte Dichter der Jahreszeiten, Dyer (S. 160) dessen Grongar-Hill ewig im Andenken der Nation fortlebt und v. A. m., von denen sich Poesieen in unserer Sammlung finden, deren Aufzählung hier jedoch zu weit führen würde, verleihen dieser Periode nicht mit Unrecht den Namen einer klassischen Zeit. Die didactische Richtung blieb während des achtzehnten Jahrhunderts und namentlich während der zweiten Hälfte desselben die vorwaltende und obwohl einzelne bedeutende Talente dieselbe mit dem grössten Erfolge cultivirlen und in ihren didactisch-descriptiven Leistungen viel Schönes brachten, so artete dieselbe doch so aus, dass man zuletzt jeden Gegenstand für passend hielt, auf diese Weise verherrlicht zu werden, sobald nur reeller Nutzen darin zu finden war. Nur wenige wirklich geniale Leistungen offenbaren sich zuletzt und selbst die talentvollsten Männer wie z. B. Goldsmith (S. 188) und Cowper (S. 198) welche den Uebergang zu freierer Natürlichkeit vermitteln, wagen doch nicht gänzlich frei die poetischen Flügel zu rühren. Es ging so weit, dass man ordentliche Compendien in Versen schrieb und selbst die abstractesten Wissenschaften darin zu behandeln versuchte.

In der dramatischen Poesie besliss man sich ebenfalls strengerer Regelmässigkeit, schied das tragische Element sorgfältig von dem komischen und suchte das Ziel durch glänzende Diction und äussern Schmuck mehr als durch Wahrheit und Tiefe in der Auffassung des Lebens zu erreichen. Es war hier ein beständiges Schwanken vorherrschend und so ist es auch bis auf die neuesten Zeiten geblieben, obwohl viele talentvolle Männer sich in dramatischen Leistungen versuchten, bald ängstlich sich französischen Mustern anschliessend wie es z. B. Addison gethan, bald Shakspeare's Weise anstrebend; die Heroen des Zeitalters der Elisabeth hat keiner erreicht und ganz Vorzügliches wurde nur im bürgerlichen Lustspiel geliefert.

V. Die Periode der Natürlichkeit und der Geltung der Leidenschaft (1800 -—-***). Endlich zu Anfang dieses Jahrhunderts brach die echte Poesie wieder mächtig hervor und machte sich siegreich Bahn. Auffassung des Lebens und der Natur in ihren tiefsten Tiefen und veredelte Darstellung derselben mit allem Reichthum der Phantasie, allem Zauber der Diction ausgestattet, ruhend auf der Basis der strengsten inneren Wahrheit wurden als unerlässlich zur Erreichung des vorgesteckten Ziels betrachtet und diesem, wenn auch auf verschiedenen Wegen zugestrebt. Drei geniale Männer traten fast gleichzeitig auf, Jeder ganz von seinem hohen Berufe erfüllt, Jeder mit den herrlichsten Mitteln ausgestattet und obwohl innig mit den Andern verwandt doch seinen eigenen Pfad wandelnd. Es waren W. Scott, Byron, Moore. Der erstere liess das Objective, der zweite das Subjective in der Poesie vorwalten; der dritte wusste Beides auf das Innigste zu vereinen und sich gegenseitig durchdringen zu lassen.

Die Aufmerksamkeit von ganz

Europa richtete sich erstaunt auf England und folgte gespannt dem Laufe dieser glänzenden Gestirne, die bald bei allen gebildeten Völkern Bewunderung und Nachahmung fanden. Ihnen schlossen sich im Vaterlande eine Menge begabter Dichter an, aber fast scheint es als ob diese Periode sich fast auch schon ihrem Ende nahe, denn Viele sind bereits geschieden von der Erde wie Scott, Byron, Southey, Campbell, logg, Crabbe, Coleridge u. s. w., Andere verstummt, und unter den jüngern Talenten hat sich in den beiden letzten Decennien durch mehr als gewöhnliche Leistungen, keines so hervorgethan, dass es diesen mit Recht würdig anzureihen wäre. Die Gegenwart scheint nirgends der Poesie günstig zu sein und der walire Freund der Dichtkunst, den nur das Grosse befriedigt, muss sich entweder der Vergangenheit zuwenden oder hoffend auf die Zukunft harren.

3.

Ueber Zweck und Einrichtung dieser Sammlung.

So viele Hülssmittel es auch bereits für die Kenntniss der englischen Dichter und ihrer Werke giebt, so fehlte es doch an einer Sammlung, die dem Gebildeten ohne Ausnahme picht den Gelehrten oder Studirenden allein einen Ueberblick des Entwickelungsganges der englischen Poesie und ihrer Sprache zugleich mit einer Auswahl der schönsten Gedichte der bedeutendsten englischen Dichter von der ersten Epoche der Kunstpoesie an bis zur Gegenwart darböte. Die in England selbst erschienenen Werke dieser Art sind für unsere deutschen Verhältnisse meist zu theuer und schwer zugänglich, die in Deutschland besorgten dagegen entweder nur für Männer von Fach oder Studirende, wie z. B. das in jeder Hinsicht musterhafte Handbuch von Ideler und Nolte, oder zu voluminös, auch in Hinsicht auf die Auswahl unter den Dichtern selbst, besonders der älteren Zeit nicht vollständig genug. Um den obenerwähnten Zweck zu erreichen ward daher diese Sammlung veranstaltet und ihr ein verwandtes, aber leider sehr kostbares englisches Werk (The Book of Gems. The Poets and Artists of Great Britain, London 1836-38, 3 Bde in gross 8. mit sehr vielen Stahlstichen ; Ladenpreis 21 Thlr.) zu Grunde gelegt, worauf sich indessen der Verfasser nicht beschränkte, sondern theils noch viele Auszüge aus anderen dort nicht aufgenommenen Dichtern hinzufügte, theils die biographischen Notizen aus zuverlässigeren Quellen entlehnte und sorgfältiger bearbeitete, theils endlich die literärischen Notizen, welche dort ganz fehlten, zugesellte, so dass also dieser eine Band bei Weitem mehr enthält als jene drei. Indem er auf diese Weise seinen Zweck zu erreichen suchte, Freunden der englischen Poesie im deutschen Vaterlande, namentlich aber der, sich am Grossen und Schönen mit Vorliebe bildenden erwachsenen Jugend jedes Standes und Geschlechtes, eine möglichst vollständige und leicht zu erwerbende Anthologie zu verschaffen, welche, indem sie die Kenntniss der englischen Dichter vermittelte, zugleich eine eben so reichhaltige als angenehme Lecture darbot, richtete er vorzüglich sein Augenmerk auf die Lyrik, einmal weil diese es gestattete von jedem Dichter etwas Vollständiges zu geben, dann weil in ihr sich der Entwickelungsgang der Poesie im Allgemeinen doch stets am Deutlichsten wiederspiegelt. Nur wo nichts Genügendes dieser Gattung vor

handen war, wurde aus anderen Gattungen ausgewählt, wo es sich denn leider als unmöglich zeigte das Fragmentarische zu vermeiden. Dass aus Shakspeare's Dramen aus Milton's Paradiese, aus Byron's, Moore's und anderer Heroen grossen Dichtungen Nichts gewählt wurde, wird man wohl bei näherer Prüfung billigen. Shakspeare, Milton, Byron. Moore, Scott u. s. w. sind in Deutschland durch deutsche Ausgaben und Uebersetzungen so verbreitet und so allgemein zugänglich, dass eine weit genauere Kenntniss als diese Sammlung sie gewähren kann, leicht zu erlangen ist; hier würden grössere Mittheilungen nur den Raum unnöthig eingenommen und die Auszüge aus älteren, wenig bekannten und doch sehr eigenthümlichen und interessanten Dichtern, besonders der Elisabethischen und der Puritanischen Periode über die Gebühr beschränkt haben.

Wir fügen für diejenigen, welche vielleicht durch diese Sammlung noch mehr dazu angeregt der Kenntniss der englischen Poesie und ihrer Geschichte ein tieferes und gründliches Studium widmen wollen, hier ein Verzeichniss von unschwer zu habenden Hilfsmitteln hinzu.

Verzeichniss von Werken über die Geschichte der englischen Poesie

und Sammlungen englischer Dichter.

Warton, History of the English poetry from the close of the eleventh to the

commencement of the eighteenth century. A new edition. London 1824. 4.

Ein vortreffliches, sehr gründliches und umfassendes Werk, jedoch nur eigentlich für den Fachgelehrten brauchbar, da es mehr das Material zu einer Geschichte liefert, als die leitenden Ideen, welche den Entwickelungsgang der englischen Dichtkunst bestimmten und deren Ursprung und Veranlassung darstellt. Bouterwek, Geschichte der Poesie und Beredsamkeit, Bd. 7 u. 8. Göltingen

1809. (die englische Poesie).

Ein geistreiches, umfassendes Werk, das neben der geschichtlichen Entwickelung eine treffliche ästhetische Kritik darbietet, gegen den Schluss hin, die neuere Zeit jedoch zu kurz behandelt. Allan Cunningham, Biographische und kritische Geschichte der englischen Literatur von Samuel Johnson's bis zu Walter Scott's Tode.

Deutsch von A. Kaiser. Leipzig 1834.

Ursprünglich ein Artikel in der Londoner Zeitschrift: Athenaeum. Obgleich sehr flüchtig gearbeitet, enthält es doch manche schätzenswerthe Notiz und manches geistreiche Urtheil. F. J. Jacobsen, Briefe über die neuesten englischen Dichter. Altona 1820.

Mit Fleiss und Geschmack zusammengetragen, nur etwas zu weitschweilig. 0. L. B. Wolff, Vorlesungen über die schöne Literatur Europa's in der neue

sten Zeit. Leipzig 1832. S. 158-385.

S. Johnson, Lives of the most eminent English poets. Neueste Ausgabe.

London 1816. 3 Bde in 8. Deutsch, Altenburg 1781. 2 Bde in 8.

Meisterhaft geschriebene Biographieen. S. Johnson, the English Poets. Neue Ausgabe, London 1810. 21 Bde in 8.

(besorgt von Alex. Chalmers). J. Bell, the English Poets. Edinburgh 1792. 109 Bde in 8. R. Anderson, A complete Edition of the Poets of Great Britain. London und

Edinburgh 1792. 14 Bde in 8. Th. Campbell, Specimens of the British Poets, with biographical and critical

notes. London 1819. 7 Bde in 8. Dodsley, Collection of plays by ancient authors, published by J. Reed. London

1780. 10 Bde in 8.

R. Cumberland, The British Drama etc. London 1817. 14 Bde in 8.

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