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Die Arbeit des rechten Kunsthistorikers wird aber auch für die neuschaffende Kunst ein Segen. Auf dem Territorium der bildenden und bauenden Kunst hat sich dies auffallend bewährt. ist z. B. noch nicht sehr lange her, dass man ,,gothisch" zu bauen meinte, wenn man Spitzbogen und dazu allerlei Geschnörkel hinstellte. Die Arbeiten Kallenbach's, Schnase's, Kugler's und anderer ehrenwerther Forscher haben unstreitig das rechte Verständniss wieder anzubahnen mitgeholfen, und was eben jetzt am Kölner Dom, an der Wiener Votivkirche geleistet wird, darf sich neben den Arbeiten der Blüthezeit der alten Gothik sehen lassen. Ein ähnliches Verständniss haben auf musikalischem Gebiete die Erörterungen Winterfeld's, Marx' u. s. w. für die alten Kirchentöne geweckt, und man hat begreifen gelernt, dass der Palestrinastyl nicht darin bestehe, dass man E-moll unvermittelt neben D-moll setzt, und dass die von einer schwächlichen Zeit herb gescholtenen Harmonien der alten Meister nicht etwa Ergebnisse unbeholfener Ungeschicklichkeit waren, sondern auf einer tiefsinnigen Anschauung beruhten. Der Künstler lernt aus der Kunstgeschichte eine ernste Wahrheit, die er ausserdem oft nicht begreifen mag, die Wahrheit: dass auch in Zeiten, welche die bunte Welt des Tages nicht mehr kennt, die Edelsten gelebt und gewirkt und für die Menschheit reiche Schätze hinterlegt haben, dass auch auf dem Gebiete der Kunst, wie anderwärts, wohl die Summe unserer Erfahrungen, aber nicht Geist und Talent grösser geworden ist, und dass es nicht leicht einen schlimmeren Irrthum geben kann als den von Jean Paul mit den Worten bezeichneten: „,in den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heranzuwachsen, in denen nach uns abzuwelken, in unserem herrlich blühend aufzuplatzen". Ein Kern- und Ehrenmann wie Leopold Mozart hatte für Allegri's Miserere kein besseres Urtheil als die Art der Production müsse mehr dabei thun als die Composition selbst". Das war dieselbe gesegnete Zeit, wo man alte Wandmalereien ,,aus der Kindheit der Kunst" resolut übertünchte,,,altfränkische" Kirchen des 12. und 13. Säculums geschmackvoll d. h. zopfgerecht restaurirte, wo der geistvollste aller Könige über das Nibelungenlied äusserte, er würde ,,solches Zeug" in seiner Bibliothek nicht ,,dulden". Verständniss, Liebe, Werthschätzung des Edeln, aber dem Zeitgeschmacke entfernt. Liegenden zu wecken ist eine der Aufgaben des Kunsthistorikers.

Nur muss er der rechte Mann dazu sein und muss sich als Musikschriftsteller z. B. nicht wie Oulibicheff einbilden, dass Gott die Welt erschaffen habe, damit darin die Ouverture zur Zauberflöte componirt werde. *)

Solche Betrachtungen können wohl bewegen sich an eine Geschichte der Tonkunst in ähnlicher Tendenz zu wagen, wie etwa Kugler die Geschichte der Malerei, der Baukunst behandelt hat. Der Sammel- und Forschergeist speichert neues und abermals neues Material fast von Tag zu Tag auf, und es ist sehr verlockend eine Ordnung und Sichtung des gegebenen Stoffes und endlich eine das Geordnete zu einem überschaulichen Ganzen zusammenstellende Gruppirung zu versuchen. Aber der Historiograph der bildenden Kunst ist weit besser daran als der Musikhistoriker. Jener kann z. B. von dem eigentlichen technischen Theile seines Gegenstandes Umgang nehmen und vorwiegend den geistigen, den ästhetischen Gehalt der Kunsterscheinungen jeder Epoche betonen. Die Geschichte der Musik kann und darf von der mühsamen, Jahrhunderte langen Arbeit den Tonstoff zu bewältigen nicht schweigen, sie muss sich nothwendig mit der oft dunkeln, oft abstrusen musikalischen Theorie vergangener Jahrhunderte befassen, sie muss es darauf ankommen lassen stellenweise den Leser zu ermüden, wenigstens von ihm ein nichts weniger als müheloses geistiges Mitarbeiten und Nachstudiren zu verlangen. Das belebende Element der Kunst, jenen geistigen, ästhetischen Gehalt an Tonstücken zu demonstriren, die nicht gleich unmittelbar in tönender Erscheinung oder wenig stens in Tonschrift beigebracht werden können, ist eine fast unmögliche Aufgabe. Winterfeld redet z. B. in seinem Buche über Gabrieli von den Werken der alten Meister mit Geist und mit Begeisterung; will aber der Leser mehr haben als blosse Worte, so muss er nothwendig zum dritten Bande greifen, der die Notenbeispiele enthält. Der Nachweis des constructiven Theiles der Tonwerke kann sie allenfalls als ein edel Gebildetes legitimiren,

*) Mutatis mutandis kann dieses l'aradoxon Oulibicheff's von jedem unterschrieben werden, welcher mit Plato's Satze (ebenfalls mutatis mutandis) einverstanden ist, der Demiurgos habe deshalb dem menschlichen Leibe die Augen gegeben, damit im menschlichen Geiste der Kosmos des Weltschöpfers (namentlich der siderische) noch einmal vorhanden sei.

führt aber nothwendig zu trockenen harmonischen, rhythmischen u. s. w. Anatomirungen, mit denen höchstens der Musiklehrer dem Schüler nützt, sonst aber nichts gewonnen ist. So lange nicht,,historische" Concerte, wie man dergleichen in Paris, Leipzig u. s. w. vereinzelt wirklich gegeben hat, zu einem bleibenden Institute werden, das für den Musikfreund wird, was für den Freund der Malerei Gemäldegalerien sind, ist und bleibt die Arbeit des Historiographen der Musik eine nur halb lohnende, und die tüchtigen Männer, welche in gediegenen Werken dem eben nur halb Lohnenden Zeit und Kräfte gewidmet haben, verdienen gewiss mit Ehren genannt zu werden. Ganz abgesehen von den älteren Arbeiten des Michael Prätorius (im Syntagma), Pater Kircher, Bontempi (1695 zu Perugia), Bonnet (1715 zu Paris), Prinz von Waldthurn, Mattheson u. s. w. liegt selbst das Werk des Mannes, der weiland Bologna zu einem musikalischen Delphi machte, wo sich die Musiker Orakelbescheide holten, das Werk P. Martini's voll tiefer Gelehrsamkeit, schwer und kostbar wie Gold, unserer Zeit schon durch seine Form und seine breiten ragionamenti ziemlich fern und macht in der That den Eindruck eines verstaubten Museums, wo die kostbarsten Antiquitäten in übel beleuchteten Sälen unscheinbar durcheinander stehen. Ein ähnliches Museum voll Kostbarkeiten ist Gerbert's Buch,,de cantu et musica sacra" (1774). Für den Forscher wird es neben den (trotz aller Ungenauigkeit im Einzelnen sehr viel Dankenswerthes enthaltenden) Büchern von Burney und Hawkins stets eine Stätte willkommener Belehrung, ja eine wahre Fundgrube bleiben, wie denn z. B. Forkel daran eine tüchtige Vorarbeit für sein Werk fand. Diese zwei Bände Musikgeschichte unseres Forkel sind mit Recht geschätzt, aber mehr genannt als gekannt und brechen leider mit der Zeit Josquin's des Prés ab. Schreiend ungerecht ist das Urtheil, welches Zelter in einem seiner Briefe an Goethe (vom 3. December 1825) über den tüchtigen Mann fällt:,,Forkel war Doctor der Philosophie und Doctor der Musik zugleich, ist aber sein Leben lang weder mit der einen noch mit der anderen in unmittelbare Berührung gekommen, er hat eine Geschichte der Musik angefangen, und da aufgehört, von wo für uns eine Historie möglich ist" u. s. w. Man traut den Augen nicht. Und das schrieb derselbe Mann, dessen eigene Kenntnisse weit genug reichen, dass er am 1. August 1816, nachdem

er sich eine Belehrung ausgebeten,,was denn Byzanz gewesen", wörtlich also schreibt:,,auch das Mumienhafte des musikalischen Styles besser hiesse es fötusartig Unentwickelte, Hässliche noch im fünfzehnten und sechzehnten (!) Säculo trifft zu, demzufolge das Aeussere, Melodische (?) regelmässig, treu, ernsthaft gegliedert, aber hohl, leblos und traurig dasteht und völlig gemäss ist dem Dienste einer Kirche, die sich nur äusserlich noch zu erhalten strebte. Hier fehlt in der Geschichte der Musik die Brücke vom Antiken zum Neuen" u. s. w. Wenn Goethe's olympisches Haupt für die ,,lieben, belehrenden Blätter" Dank nickte, so soll der Respect vor ihm uns Andere nicht abhalten darüber anders zu denken. Forkel's Hauptfehler war, dass die Kunst und Weise Sebastian Bach's für ihn der absolute Kunststandpunkt war, und hätte er seine Musikgeschichte beendigt, so würde muthmaasslich Bach darin dieselbe Rolle spielen, wie sie in Oulibicheff's bekanntem Feuilletonartikel, der im zweiten Bande seiner Biographie Mozart's steht, der Componist des Don Giovanni spielt. - die Rolle des stolz in seinem Triumphwagen dahinrollenden Siegers, um dessentwillen der ganze Vortrab in langer Reihe voranmarschirt, und dem sich nur noch allerlei obscurer Plebs nachdrängt. Forkel hat seinen Credit durch seine eigentlich ein ganzes Buch bildende Riesenrecension über Gluck ruinirt; nicht leicht hat sich ein Missgriff so schwer gerächt! Für den Griechen Gluck konnte Forkel, das Prototyp eines Magisters und Stubengelehrten, der ungriechischeste Geselle von der Welt, freilich keine Sympathie hegen. Dieser antigriechische Geist oder Nichtgeist Forkel's macht eben aus dem ersten Bande seiner Musikgeschichte ein bei allem werthvollen Inhalte doch eigentlich völlig unleidliches Opus. Forkel hat die alten Schriftsteller gelesen, excerpirt; wo in einem Winkelchen der Deipnosophistai oder des Pollux'schen Onomastikon eine kleine Notiz über Musik steht, sucht er sie sicherlich heraus, aber die ,,Antike" (nach des Dichters Worten) ,,bleibt ihm Stein". Es ist spasshaft, wenn er die Musik,,unter den Göttern" und ,,den Halbgöttern" so trocken pragmatisch abhaspelt, als schreibe er etwa eine Chronik der Thomanercantoren; und wahrhaft unvergleichlich ist seine Behandlung der Mythen, wenn er z. B. als Erz-Euphemerist versichert: es lasse sich aus vielen Stellen alter Schriftsteller schliessen, ,,dass wirklich einmal eine Person unter dem Namen Apollo gelebt haben müsse, welche

ihrer grossen, schönen und dem menschlichen Geschlechte nützlichen Handlungen wegen nach ihrem Tode vergöttert und für die Sonne gehalten worden ist", und ,,dass Apoll die Lyra und Pfeife nach damaliger Art vorzüglich gut zu spielen gewusst und wahrscheinlich durch diese Geschicklichkeit sich den Namen eines Gottes der Musik erworben habe"; dass ferner,,Bacchus in seinen jüngeren Jahren Trinkgelagen sehr ergeben gewesen sein soll" und folglich bei seinen Festen,,die Trunkenheit nebst ihren Folgen unvermeidlich war", dass die Satyrn, Feld- und Waldgötter wahrscheinlich,,nichts Anderes als Orangutangs" gewesen sind. Natürlich, wenn die Götter Menschen sind, so müssen die Halbgötter Orangutangs und die Heroen vermuthlich gemeine Paviane. sein. Die Perle des Ganzen aber ist der Paragraph zwanzig, wo er die Liebesgeschichte des Attys und des Apoll mit Cybele völlig im Sinne der skandalösen Chronik einer deutschen Kleinstadt erzählt, gleichsam als sei Fräulein Cybele die Tochter des Herrn Bürgermeisters, die sich mit dem Stadtschreiber verging und dann mit einem Orchestergeiger in die weite Welt lief. Dieser erste Band erschien 1788, wo Deutschland schon längst einen Lessing und Winkelmann besass, die Forkel Beide kennt und citirt. Wer dem antiken Geiste so völlig fremd bleiben konnte, für den war auch die antike Musik etwas völlig Unverstandenes, und so wurde Forkel, wie ihn August Boeckh (de metr. Pindari) nennt, veterum castigator acerrimus. Seine Verachtung der antiken Musik ist wenigstens für Deutschland maassgebend geworden, zumal die trefflichen neueren Arbeiten eines Friedrich Bellermann u. A. vielen schon durch ihre streng philologische Fassung unzugänglich geblieben sind.

Im zweiten Bande der Forkel'schen Musikgeschichte, der 1801 erschien, hat der Autor mit einem Fleisse, einer Gewissenhaftigkeit und einem kritischen Blicke und Takt, welche gar nicht genug anzuerkennen sind, ein unschätzbares Material gesammelt, woran aber freilich seinem Vormanne Gerbert ein nicht unbedeutender Antheil gebührt. Es zu gruppiren gewinnt Forkel keine Zeit, er ladet seine kostbare Fracht ab, wie es fallen und liegen mag, kaum dass er nothdürftig die chronologische Ordnung einhält. Zu irgend einer Uebersicht, geschweige denn zu einer Gesammtanschauung bringt er es nirgends, höchstens sagt er gelegentlich und beiher über eines und das andere kurz und trocken

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