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THE ANCREN RIWLE.

- Ancren Riwle, d. h. Anachoreten-Regel, ist der Titel des von James Morton zu London für die Camden Society 1853 mit einer Einleitung, einer neuenglischen dem Texte gegenübergestellten Uebersetzung und einem sorgfältig gearbeiteten Glossar herausgegebenen Werkes, welches Regeln für das klösterliche Leben der Nonnen enthält. Der nicht unerhebliche Umfang des Werkes, welches mehr als das Sechsfache des von uns gebotenen Bruchstückes enthält, macht es zu einer reichen Quelle für die Erforschung der Formen und des Wortschatzes der alten Sprache und erregt den Wunsch einer näheren Kenntniss seines Ursprunges und der Zeit seiner Abfassung. Die vier noch vorhandenen Handschriften des Buches hat bereits Wanley (1672–1726) in seinem Kataloge von Handschriften, der nördlichen Litteraturen in Hickes, Thesaurus Linguarum Septentrionalium beschrieben; es sind: 1. Nero A. XIV. in der Cottonischen Sammlung des British Museum. Auf diese Handschrift hat Morton, mit Hinzuziehung der beiden folgenden, aus denen er mit T. und C. bezeichnete Varianten giebt, seinen Text begründet. 2. Titus D. XVIII. ebendaselbst, woran die ersten zehn bis zwölf Blätter fehlen. 3. Cleopatra C. VI. ebendaselbst. 4. Eine Handschrift im Corpus Christi College zu Cambridge unter dem Titel Ancren Wisse – Nr. CCCII. in Nasmith's Kataloge dieser Bibliothek – woraus Morton p. XXIII. nach Wanley eine kurze, die Eintheilung des Werkes enthaltende Probe giebt. Zwei Handschriften gingen 1731 bei dem Brande verloren, dessen Alte. Sprachproben I. 1 p. 20 gedacht ist: 1. Eine lateinische Redaktion des Werkes in der Cottonischen Bibliothek MS. Vitellius E. VII., welche nach Smith's Katalog, 1696, die Aufschrift führte: “ Regulae vitae Anachoretarum utriusque serus scriptae per Simonem de Gandavo, Episcopum Sarum in usum suarum sororum. Hunc librum Frater Robertus de Thorneton, quondam Prior, dedit claustralibus de Bardenay.” 2. Eine französische ebendaselbst Vitellius F. VII. unter dem Titel: “ La Reule de femmes Religieuses et Recluses; per Simonem de Gandavo, Episcopum Sarisburiensium, in usum sororum ipsius.” Indessen ist noch eine lateinische Redaktion im Magdalen College zu Oxford vorhanden, welche den Text vielfach zusammenzieht und den achten Abschnitt desselben ganz weglässt. Sie enthält die Aufschrift: Hic incipit prohemium venerabilis Patris Magistri Simonis de Gandavo, Episcopi Sarum, in librum de vita solitaria quem scripsitsororibus suis anachoretis apud Tarente. Sie ist von Morton benutzt worden, welcher daraus einzelne Worte und Stellen unter seinem Texte aufführt. Die Frage, ob in dieser Nonnenregel ein altenglisches Original oder eine Uebersetzung vorliegt, ist nicht ohne Weiteres zu entscheiden. Die Vermuthung, dass es aus dem Lateinischen übertragen sei, welche von Smith, Wanley und nach ihnen von Anderen aufgestellt worden ist, erscheint unberechtigt. Dass der englische Text nicht aus der noch vorhandenen lateinischen Bearbeitung entsprungen sein kann, hat Morton schlagend nachgewiesen. Die letztere, in ihrer Verkürzung des Textes, der Beibehaltung zahlreicher unverstandener sächsischer Wörter, der widersinnigen Anwendung lateinischer Wörter, welche sich nur aus dem Misverstehen englischer erklären lassen, kann nur aus einem englischen Texte stammen. Wanley indessen, welcher, wie er selbst ausdrücklich sagt, seine Ansicht aus einer Vergleichung des englischen Textes mit dem von ihm dem Bischof Simon zugeschriebenen lateinischen des MS. Vitellius E. VII. gewonnen hat, den wir nicht mehr besitzen, konnte jedoch eine wesentlich von der Oxforder Handschrift verschiedene lateinische Arbeit vor sich haben. Indessen macht eben die Erwähnung des Simon die Sache zweifelhaft, so dass eher auch hier der umgekehrte Fall anzunehmen ist. Es steht fest, dass Simon, Bischof von Salisbury, Verfasser von Statuten für die Verwaltung der Kirche seines Bischofssitzes, das Bisthum seit 1297 verwaltete und im Jahre 1315 starb, s. Godwin, de Praesulibus Angliae Commentarius p. 347. Fabricius Bibl. Med. et Infim. Latin. XIII. p. 352. War dieser Bischof der Verfasser des lateinischen Werkes, so konnte die englische Bearbeitung, deren Sprache entschieden ein höheres Alter beansprucht, nicht aus seinem Werke fliessen, sondern nur er aus jener schöpfen. An sich wäre gegen eine ursprünglich lateinische Abfassung von Nonnenregeln nichts einzuwenden, wie ja auch der lateinische Abriss, welcher aus unserem Buche entsprang, für Nonnen bestimmt war. Jedoch fehlt uns dafür ein Anhalt, und wir können es leichter begreifen, dass eine Regel für drei Schwestern, in der Blüthe der Jugend, wie sie der Verfasser p. 192 bezeichnet, obwohl sie nicht als seine Schwestern, sondern im Allgemeinen als Nonnen von ihm auch als Schwestern angeredet werden, in heimischer Sprache von einem väterlichen Freunde abgefasst wurde. Dass übrigens der Verfasser auch eine weitere Verbreitung seines Buches unter andere Nonnen voraussetzte, geht mehrfach aus dem Buche selbst hervor. Vgl. p. 50, 192, 410. Man könnte aber auch an ein französisches original denken und darin durch die sehr erhebliche Anzahl von romanischen Substantiven, welche neben einer geringeren romanischer Verba, Adjektive und Adverbien, das Buch durchziehen, bestärkt werden, wodurch gleichwohl die durchgängige sächsische Färbung des Werkes nicht beeinträchtigt wird. Man möchte sich dabei der im ersten Theile unserer Sammlung p. 358 erwähnten Statuten erinnern, die der Abt Gaufridus zweien dem klösterlichen Leben ergebenen Frauen ertheilte, und die 1338, und zwar wieder französisch, erneuert wurden. Auf die verloren gegangene französische Redaktion, welche ebenfalls auf den Simon de Gandavo zurückgeführt wird, wäre dabei freilich nicht zu fussen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass der Verfasser, welcher den Schwestern verslunge of hire sautere, redinge of Englisch oder of Freinchs freistellt, und also die Kenntniss beider Sprachen bei ihnen voraussetzt, ein französisches Buch für sie übersetzt haben sollte. Eben so wenig aber bedarf es der Annahme, ein französisches Original sei für die Schwestern selbst verfasst worden. Dass sie sich der englischen und nicht der französischen Sprache, etwa wegen normannischen Ursprungs, zu bedienen pflegten, geht aus der Bezeichnung des Englischen hervor, wie in: on ure leodene p. 172, wie er sie denn auch an die Geschichte der heiligen Margarete mit den Worten erinnert: Nabbe ze bis also of Ruffin pe deouel, Beliales broöer, in our Englische boc of Seinte Margarete ? p. 244, worin auf die Seinte Marherete p. 13, vgl. Meidan Maregrete V. 50, hingedeutet sein mag. Das Buch scheint ursprünglich von einem englischen Verfasser gerade für die in ihm bezeichneten englischen Jungfrauen geschrieben zu sein. Die Frage nach der Zeit der Abfassung des englischen Textes ist mit bei weitem mehr Sicherheit zu beantworten als die nach seinem Verfasser. Das Werk gehört entschieden zu den ältesten Denkmälern der englischen Prosa. Wir finden in dem einfach und schmucklos aber fliessend geschriebenen Werke die Sprache der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, welche noch vielfach Flexionsformen des Nennwortes bewahrt und sich in den Verbalformen noch näher an die angelsächsische Sprache anschliesst. Der Einfluss des Altnordischen verräth sich weniger und nur in einzelnen Spuren. Fast auffällig nähert sich der Styl, der Wortvorrath und die Phraseologie der Nonnenregel der Sprache anderer gleichzeitiger Schriftwerke z. B. der Seinte Marherete und mehr noch der Hali Meidenhad, so dass Oswald Cockayne in seiner Ausgabe der letzteren allitterirenden Homilie London 1866 p. VI. mit Rücksicht auf Sprache und Anschauungsweise die genannten und andere verwandte Stücke dem Verfasser der Ancren Riwle zuschreiben möchte. Indessen bemerkt man, trotz dieser Verwandtschaft, besonders in der Vokalisation wie in der Orthographie überhaupt des uns zugänglichen Textes der Ancren Riwle mehrfache nicht unerhebliche Abweichungen, welche wir nicht allein auf Rechnung der Abschreiber setzen können.

Der auf dem Oxforder Manuskripte erscheinende Name Tarente bezeichnet einen Ort in Dorsetshire in der Nähe von Crayford-Bridge und gewährt einen Anhalt für die Bestimmung der Gegend, in welcher die Nonnen-Regel entstanden und die Stätte der frommen Jungfrauen, welche der Grossmuth von Freunden ihren Unterhalt verdankten (p. 192), gelegen sein mochte. In Tarente am Stoureflusse hatte in der That Ralph de Kahaines, dessen Vater mit Wilhelm dem Eroberer in das Land gekommen war, nahe bei seinem Herrenhause, welches nach ihm auch Tarrant-Kaines, Kaineston oder Kingston genannt wurde, ein Haus für Nonnen errichtet, welches, in Verfall gerathen, vom Bischof Richard Poor erneuert wurde s. Godwin l. l. p. 740. Dieser selbst war zu Tarente geboren, starb daselbst 1237 und liess sein Herz in dem Nonnenkloster beisetzen. In ihm sieht Morton den Verfasser der Ancren Riwle, und diese Annahme hat allerdings manches für sich. Die an dem Manne gerühmte Gelehrsamkeit, Heiligkeit des Lebens und "wohlwollende Gesinnung entsprechen dem Eindrucke, welchen das Buch in Beziehung auf die Persönlichkeit seines Verfassers zu machen geeignet ist. Als Erneuerer des Klosters hatte er allerdings Veranlassung, auch neue Statuten zu entwerfen. Zu bemerken ist, dass das Nonnenkloster zu Tarente dem Cistercienserorden angehörte. Obwohl dieser um die Mitte des zwölften Jahrhunderts vom heiligen Bernhard reformirt worden war, und unser Buch denselben als Schriftsteller oft citirt, so sucht man doch vergebens darin eine Bezugnahme auf ihn in der angedeuteten Rücksicht. Dass übrigens der Verfasser die Nonnen auffordert, sie möchten auf die Frage, welchem Orden sie angehören, sich zum Orden des heiligen Jakob bekennen (s. p. 8), ist eine symbolisch (nach Ep. Jacob. 1, 27) gemeinte Mahnung, welche Wanley irrthümlich im wörtlichen Sinne nahm, während ein St. Jakobsorden nie existirt hat. Wir theilen in unserer Sammlung den zweiten Abschnitt der Ancren Riwle, welcher von der Wahrung der fünf Sinne in Beziehung auf die Sünde handelt, vollständig nach Morton's Texte mit. Erheblichere von ihm aus den Handschriften mitgetheilte Varianten geben wir in den Anmerkungen und benutzen sie zum Theil zur Berichtigung des Textes, deren dieser auch an anderen Stellen bedürftig erschien. Hinsichtlich der Verbindung zusammengesetzter Wörter haben wir mehr Konsequenz zu beobachten gesucht, als dies von Morton geschehen ist, wenn wir auch diese geringfügigen Aenderungen nicht überall bezeichnet haben. Die von dem belesenen Verfasser der Ancren Riwle angezogenen Bibelstellen, welche meist von Morton nachgewiesen sind, haben wir in unserem Abschnitte ergänzt, Stellen der Kirchenväter, welche von Morton überhaupt nicht berücksichtigt sind, haben wir, wenngleich nur zum Theile, belegen können. Der Verfasser führt nämlich häufig den Augustin, S. Gregor, S. Hieronymus, S. Bernhard, S. Anselm, wie auch den Origenes an; ebenso werden die Vitae Patrum öfter herbeigezogen. Aus weltlichen Autoren wird: Principiis obsta, sero medicina paratur (Ovid. Remed. Am. V. 91) ohne Angabe der Quelle, ebenso: Ira furor brevis est (Horat. Ep. 1, 2, 62) citirt. Von dem Lieblingsautor des Mittelalters, Seneca, werden p. 72 die Worte: Ad summam /volo/vos esse rariloquos, tuncque pauciloquos angeführt, welche wir nicht haben auffinden können, und wovon die Wörter rariloquus und pauciloquus unseren Wörterbüchern fremd sind. Vielleicht ist die Stelle ein unächtes Fragment. Wenn wir der Morton'schen dem Texte beigegebenen Uebersetzung wie seiner Deutung der Worte und den von ihm gegebenen Etymologien nicht überall beistimmen können, so mag es ausdrücklich bemerkt werden, wie wenig wir von seiner Arbeit gering denken und wieviel wir ihr verdanken, und dass einzelne Verstösse und Irrthümer für uns die Verdienste eines Mannes nicht beeinträchtigen, dessen wir nach seinem Heimgange mit unverkümmerter Achtung gedenken. Die in den Anmerkungen zu diesem, wie zu allen folgenden Stücken, enthaltenen Citate aus denselbcn Schrift

stellern werden mit den Seitenzahlen derjenigen Ausgaben bezeichnet, aus denen die Stücke selbst entnommen sind. Auch sind die Seitenzahlen jener Ausgaben im Texte, wie in den Anmerkungen uuserer Sprachproben angegeben.

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