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Die christlichen Wörter in der Entwickelung des Französischen.

Die französische Lautlehre wird nicht zu endgültigen Resultaten kommen, solange es nicht gelungen ist, die einzelnen Lautwandlungen zueinander in Beziehung zu setzen und die Zeit ihres Wirkens wenigstens ungefähr zu bestimmen. Letzteres ist für die vorlitterarische Periode auf verschiedene Art versucht worden: 1. aus Inschriften und Urkunden von Schuchardt im Vokalismus, Leipzig 1866; 2. vermittelst Untersuchung, welchen der romanischen Sprachen die einzelnen Lauterscheinungen gemein sind, von Gröber in einem Aufsatz in Wölfflins Archiv für lateinische Lexikographie, Jahrgang 1884; 3. durch eine Betrachtung der gelehrten Wörter in der Chanson de Roland von Flaschel in einer Göttinger Dissertation von 1881, wo auch die Formen der fränkischen Wörter, die in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ins Französische drangen, in Betracht gezogen sind. Auf die gelehrten Wörter weist ferner Pakscher in seiner Abhandlung: Zur Kritik und Geschichte des französischen Rolandsliedes, Berlin 1885.

Aber auch die Einführung neuer Wörter bildet ein Mittel, die Wirkungszeit der französischen Lautgesetze zu bestimmen. So sind die christlichen Wörter grösstenteils an ihrer Bedeutung kenntlich, und da die Geschichte lehrt, wann das Christentum nach Frankreich drang und sich weiter entwickelte, so lässt sich aus den Formen dieser Wörter auf die Lautgesetze schliessen, welche zu oder nach der Zeit der Aufnahme der christlichen Begriffe in die Volkssprache wirksam waren.

Es soll zuerst mit Hilfe der Geschichte festgestellt werden, in welcher Periode die verschiedenen christlichen Wörter in Gallien bekannt wurden. Gröber, a. a. 0. Seite 216, ist der Meinung, die christlichen Wörter seien frühestens im 4., 5. Jahrhundert in die vulgärlateinische Rede übergegangen. Wenn nun auch das Christentum nur langsam vordrang, so dass in der That erst um jene Zeit seine Einführung in Gallien den grössten Umfang angenommen hatte, so lässt sich doch für einzelne Wörter auf früheres Eindringen schliessen. Z. B. berichtet die Geschichte, dass um 160 n. Chr. einige Priester aus Smyrna, darunter Pothinus und Irenäus, zwei Schüler Polykarps, zu Lyon die erste christliche Kirche Galliens gründeten, an der in der Folge Pothinus zum Bischof ernannt wurde. Die Wörter episcopus, presbyter, ecclesia wurden also in Gallien schon Ende des 2. Jahrhunderts dem Volke bekannt.

TqEOBútepos war in den ersten christlichen Gemeinden der Titel der Vorsteher. Wenn auch seit dem 2. Jahrhundert die Bischöfe an der Spitze der Gemeinden standen, so wurden doch die unter ihnen stehenden Kirchen von Presbytern geleitet, und es ist deshalb kein Zweifel, dass das Wort so früh ins Volk drang; denn die Gründer der Lyoner Kirche werden presbyteri genannt, und die Priester standen vielleicht mit dem Volke in noch innigerem Verkehr als die Bischöfe.

Auch der Name dióxovog findet sich schon in den ersten christlichen Gemeinden, ebenso werden in der ersten Zeit der Lyoner Kirche Männer genannt, welche diesen Titel führten: Thierry II, 178 le diacre Sanctus de Vienne, Valerianus etc. Aber ihre Stellung war von Anfang an eine andere als diejenige der Bischöfe und Priester. Sie hatten den Gottesdienst vorzubereiten, dem Priester dabei zur Hand zu gehen, später die heiligen Geräte aufzubewahren u. S. w., zum grössten Teil Beschäftigungen im Inneren, durch welche sie mit dem Volk wenig in Berührung kamen. Wann letzteres geschah, lässt sich vielleicht aus dem Vorkommen des Titels archidiaconus schliessen. Dieser erscheint schon unter Leo dem Grossen († 461) und wird im 8. Jahrhundert regelmässig von den Vorgesetzten der ländlichen archipresbyteri geführt. Seit dem 9. Jahr. hundert war in Frankreich die Einrichtung gewöhnlich, dass der Bischof mehrere archidiaconi hatte. Jeder derselben bereitete in seinem Sprengel die Abhaltung des bischöflichen Gerichts vor, erledigte geringe Fälle selbst und wurde allmählich aus dem Hauptgehilfen des Bischofs dessen eigentlicher Vertreter. Also erst im 9. Jahrhundert kamen die archidiaconi mit dem Volk in enge Berührung.

Der Titel archiepiscopus wird zuerst von Isidor († 636) bezeugt, welcher erklärt: „Archiepiscopus hiess späterhin der höhere Bischof, dem Metropoliten untergeben waren.“ Indessen hatte sich in der Kirche des fränkischen Reiches schon damals ein anderer Sprachgebrauch gebildet. Die Erteilung des römischen Palliums erfolgte nämlich zuerst nur bei Primaten, auch archiepiscopi genannt, dann aber bei jedem Metropoliten, auf welche nun die Benennung archiepiscopus überging. Aus allen diesen Bestimmungen geht hervor, dass die Vorsilbe archi etwa im 7., 8. Jahrh. dem Volke bekannt wurde.

Viel länger ist das Wort ecclesia in der Volkssprache. Wenn auch Gebäude für den Gottesdienst erst nach der Erhebung des christlichen Glaubens zur Staatsreligion geschaffen wurden, so hängt die Bestimmung des Alters ihrer Benennung von diesem Zeitpunkt nicht ab, da ecclesia schon vorher für die Versammlungen der Gläubigen gebraucht wurde. Eglise wird also bis aufs 2. Jahrh, zurückgehen.

Dasselbe gilt von chrétien. Mit christianus bezeichnete man die Anhänger des neuen Glaubens schon sehr früh, und es wird ausdrücklich berichtet, dass die Christen selbst unter den Qualen des Martyriums ihren Namen nicht verleugnet hätten, z. B. als im Jahre 177 Bischof Pothinus und achtundvierzig Christen zu Lyon den Märtyrertod erlitten. Dass martyr schon im 3. Jahrh. dem Volk bekannt war, dafür bietet der Name Montmartre einen Anhalt. Der heilige Dionysius, nach welchem der Berg benannt ist, erlitt den Märtyrertod unter Valerian, also um 260.

Auch das Wort hæreticus muss sehr früh üblich geworden sein. Hippolytus, einer von Irenäus' Schülern, schrieb eine , Widerlegung aller Ketzereien“, und gewiss wird hæreticus im 2., 3. Jahrh, auch vom Volke gebraucht worden sein.

Noch ein anderes Wort lässt sich aus der Periode des Pothinus und Irenäus belegen. Die Christen jener Zeit feierten nämlich die Auferstehung Jesu am Tage des ehemaligen jüdischen Pascha. Dagegen schrieb Irenäus für die Verlegung des Festes auf den Sonntag. Eine solche Schrift ist deshalb beweiskräftig für das Eindringen der Wörter pascha und dies dominica, weil die Geistlichen damals in innigstem Verkehr mit der Gemeinde standen und gewiss derartige Angelegenheiten im Kreise der Gläubigen besprochen wurden. Schon die Apostel ordneten, um das Andenken an die am ersten Wochentage erfolgte Auferstehung des Herrn und Sendung des heiligen Geistes in den Gemütern der Christen dauernd zu befestigen, statt des jüdischen Sabbaths den Sonntag an.

Von den übrigen Festtagen waren quadragesima vielleicht, natalis wahrscheinlich schon in vorchristlicher Zeit in Gallien üblich. Das kirchliche quadragesima könnte an die Form des profanen Wortes, welches als Ausdruck für eine Steuer gebraucht wurde, angelehnt worden sein.

Das Pfingstfest scheint nicht sehr früh volkstümlich geworden zu sein, vielleicht weil pentecoste ursprünglich den ganzen festlich begangenen fünfzigtägigen Zeitraum nach Ostern bezeichnete, so bei Tertullian († 220), Basilius dem Grossen († 379) u. a. Erst im 8. Jahrh. wurde die Feier eingeschränkt. Also um diese Zeit vielleicht wird das Volk pentecoste zuerst gebraucht haben.

Dagegen drangen die christlichen Eigennamen gewiss schon im 3., 4. Jahrh. ins Volk, so Jesus, Christus, Maria, Petrus, Stephanus, Jacobus, Eva, Michaelis u. a. Für frühe Volkstümlichkeit des letzteren Namens ist leider die Benennung des Klosters Mont-SaintMichel nicht beweiskräftig, da es nach Hauréau, Gallia christiana XI, 311 erst 709 gestiftet wurde.

Die grosse Menge der christlichen Wörter stammt aus dem 4. oder 5. Jahrh. Nachdem das Christentum von Konstantin im Jahre 325 für dem Heidentum gleichberechtigt erklärt und bald darauf zur Staatsreligion erhoben worden, nahm seine Ausbreitung schnell zu. Das Heidentum wurde in die Dörfer zurückgedrängt, so dass pagani gleichbedeutend wurde mit Heiden.

Mit der Einführung des Christentums von Staatswegen hing die Einsetzung ständiger Geistlicher und damit ihre Trennung vom Volk zusammen. Der Übergang der Ausdrücke clericus und laicus in die Volkssprache datiert vielleicht aus dem 5. Jahrhundert.

Allmählich eroberte das Christentum das ganze Land, die Kirche gründete Landgemeinden. Wie nun anfangs die nooixot mit ihren Hausgemeinden die Parochie bildeten, so wurde das Wort rupoxía auch für die grösseren Sprengel beibehalten. Die Bedeutung dieser Namen wurde erst im 9. Jahrh. geändert, indem man den Ausdruck parochia auf die einzelnen Pfarrkirchen beschränkte, den Sprengel des Bischofs aber diæcesis nannte.

Im 4., 5. Jahrh. lernte das Volk spätestens die von den Geistlichen viel gebrauchten Wörter, wie nupudeloos, theflogÚvn, missa U. s. w. kennen.

Zur Verbreitung des Christentums wirkte das Mönchswesen ausserordentlich mit. Die erste Mönchsvereinigung in Gallien hatten Schüler des heiligen Athanasius (+ 373) in Trier errichtet. Nach diesem Muster legte Martin, Bischof von Tours, um 360 das Kloster Ligugiacum an. Aber erst durch Benedikts von Nursia Gründung von Monte Cassino im Jahre 529 erhielt das Klosterwesen seine typische Gestaltung. In das 4., 5. Jahrh. wird also das Bekanntwerden der Ausdrücke uovayos, claustrum, nonnus, confrater, custos zu setzen sein, in das 6. Jahrh. die Verbreitung der Wörter abbas, prior, prepositus, decanus u. 8. w., da letztere zuerst in der Benediktinerregel vorkommen. Manche von diesen Wörtern sind indessen für unseren Zweck unbrauchbar, weil sie schon vor der Einführung des Christentums in Gallien bekannt gewesen sein könnten und in diesem Falle nur eine christliche Bedeutung angenommen hätten, wie es bei pater, frater u. s. w. der Fall war, ferner bei nicht klösterlichen Wörtern, z. B. deus, altare, welche ja schon aus heidnischer Zeit stammen. Fraglich bleibt dabei, wie weit dies auszudehnen ist, ob z. B. auch auf Wörter wie decanus, prior, præpositus, custos u. 8. W.

Dieselben Zweifel entstehen bei den Namen für den weiblichen Teil der Klosterinsassen. Doppelklöster, wo Religiöse beiderlei Geschlechts, entweder in derselben, oder in zwei dicht aneinanderstofsenden Anstalten lebten, entstanden schon im 4., 5. Jahrh. Aus dieser Zeit stammen also die Ausdrücke nonna, novicia, von welchen der erstere bei Hieronymus († 420) zu belegen ist. Nonnus ist wahrscheinlich noch älter. Abbatissa wird entsprechend abbas im 6. Jahrh. bekannt geworden sein. Consoror kommt nicht in Betracht, denn die scheinbar daraus abgeleiteten Formen, z. B. Ard 1) 105: Li confrere et les consereurs sind offenbar an die aus soror gebildeten angelehnt worden.

1) Cavrois, Cartulaire de Notre-Dame-des-Ardents à Arras. Arras 1876.

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